Grunge Diplomarbeit
Hier findet ihr eine Diplomarbeit über Grunge. Die Diplomarbeit unterliegt dem Copyright von Christian Eidloth. Das hier ist eine Kopie seiner Diplomarbeit, die er www.nirvanaclub.de freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hat. Vervielfältigung ohne die Erlaubnis des Autors ist nicht erlaubt.

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Grunge

 

Aufstieg und Niedergang einer musikalischen
Subkultur im Rahmen der modernen Freizeitindustrie

Diplomarbeit im Studiengang Öffentliche Bibliotheken bei der Fachhochschule
für Bibliothekswesen Stuttgart

Angefertigt in der Zeit vom 24. Januar bis zum 24. April 1995
von Christian Eidloth, 86842 Türkheim

gewidmet Kurt Cobain und Eugen Drewermann

 

Zusammenfassung

Grunge ist eine musikalische Subkultur, die Mitte der achtziger Jahre in Seattle entstanden ist und mit dem Selbstmord ihres bekanntesten Vertreters Kurt Cobain im April 1994 ein Ende gefunden hat. Musikalisch ist Grunge eine Mischung zwischen Hardrock und Punkrock, mit einem hohen Maß an Emotionalität und einem auffallend langsamen Tempo. Eine innere Zerissenheit zwischen Aggression und Resignation, Wut und Verzweiflung zeichnen den sozialpsychologischen Charakter aus. Soziologisch zeigt sich Grunge als die Musik der Generation X, die eine neue, sich gegen konventionelle, absolutierende Lebensentwürfe stellende Lebensweise und Werte vertritt. Das Unvermögen, diese neuen Lebensvorstellungen als autarken Gegenentwurf zur Gesellschaft, insbesondere der Musikindustrie, zu artikulieren, hatte eine schnelle Kommerzialisierung und Exploitation zur Folge. Eine endgültige Einschätzung des Wesens und der Bedeutung des Grunge für Musik und Gesellschaft ist immer noch sehr problematisch.

Kriechend in Elend
Nichts ist hier
Träge Zellen
Und Lähmung
Durstiges Tier
Deine Zellen sprechen
Deutlich und wahr
Deine Zellen sprechen
Hör auf Ruhr
Hör auf Ruhr
Denkst in Symbolen!
Durstiges Tier
Lava bricht aus
Der Zellkern bricht auf
Neue Inseln
Verendest nach dem Brand
Durstiges Tier

Blixa Bargeld: Stimme frißt Feuer


 

Vorwort

Das vermeintlich leicht zu handhabende Thema "Grunge", entpuppte sich schon bald als das genaue Gegenteil. Als erstes Problem zeigte sich erwartungsgemäß die Literaturlage. Zu Grunge selbst findet sich im deutschen Sprachraum noch keine einzige Monographie (nach DB Reihe A und B, DB Reihe M, VLB etc. unter Stichwort Grunge u. ä.). Daneben existiert bisher eine einzige ernstzunehmende Biographie über eine Grungerockband, nämlich Nirvana - Come as you are von Michael Azerrad. Die wichtigsten Quellen stellten Artikel aus Zeitschriften dar, insbesondere Spex und ME/Sounds, aber auch Zillo, Indicator, Intro etc.; es fehlen leider typische Hardrock- und Heavy-Metal-Zeitschriften, die gesammelt nicht verfügbar waren. Zeitschriften- und Zeitungsinhaltsverzeichnisse wie Zeitungsindex, ZD, Hefele etc. waren nur sehr bedingt einsetzbar, weil Grunge anscheinend allgemein nicht (mehr) als musikalischer Fachterminus gilt. In der aktuellsten verfügbaren Ausgabe des Hefele Rock, Pop, Jazz-Indexes existierten unter dem Stichwort Grunge lediglich zwei Einträge, im Zeitungsindex der vergangenen vier Jahre gar nur ein einziger. Hinzu kommt, daß die existierende Literatur zum einen von unterschiedlichster Qualität, zum anderen naturgemäß in dieser Art von Publikationen sehr abhängig vom Geschmack des jeweiligen Schreibers ist. Daß Mario Umbach, der "Grungeexperte" des Munziger-Pop-Archiv, mehr ein Fan als ein Analytiker ist, mag man noch recht bald erkennen, sehr viel schwieriger aber ist die Einschätzung z. B. von Mitgliedern der Spex-Redaktion wie Jutta Koether oder Kerstin Grether, bei denen man eher schwer beurteilen kann, inwieweit deren Beiträge objektiv oder Ausdruck einer persönlichen (elitären) Weltsicht sind. Das hängt auch damit zusammen, daß für Rock- und Popmusik kein wissenschaftliches Instrumentarium wie bei anderen Wissenschaften zur Verfügung steht. Die Publikationen, die sich mit Rockmusik befassen, wie z. B. "Rockmusik" von Tibor Kneif (veröffentlicht 1982), wirken im Rückblick dann auch zu zeitverhaftet und trotz allen Bemühens subjektiv. Was damit einhergeht, ist das Fehlen einer eindeutig definierten Terminolgie. Ist Gangsta-Rap, Thrash-Metal, Poser, Metal-Head, Moshing etc. allgemein anerkannte Rockmusikterminologie? Probleme entstehen schon bei der Schreibweise z. B. vieler Komposita, wobei grundsätzlich zwischen dem Anglizismus und der Eindeutschung gewählt werden mußte. Grunge-Rock oder Grungerock, Grunge-Szene oder Grungeszene etc. Charakterisierungen wie "wuchtiger, dröhnender Baß" oder "wehleidige Stimme" sind zwangsläufig von den Vorstellungen des Hörers abhängig. "Hart" hat z. B. im Heavy Metal-Kontext eine ganz andere Bedeutung als z. B. im Hardcore. So hat es sich auch gezeigt, daß sich manche Sachverhalte im Fachjargon oder besser gesagt im Musikerslang eindeutiger und klarer ausdrücken ließen als in der Bildungssprache. Ein weiteres Problem war die unterschiedliche Verwendung von Begriffen und deren Konnotationen. Z. B. war der Terminus "Hardrock" in bestimmten Gruppen der Rockmusik vor der Grungewelle mit einer ganz anderen Nebenbedeutung verwendet worden als danach, zunächst fast nur pejorativ verwendet, später durchaus positiv besetzt. Das größte Problem war allerdings, daß Grunge in der Form eines eindeutig zu bestimmenden Phänomens überhaupt nicht existiert hat. Für die Mainstream-Presse ist Grunge etwas ganz anderes als für die Genrezeitschriften, für die Musiker etwas anderes als für die Labels. Nicht einmal die klassische Abgrenzung von Urszene und Abklatsch oder Klischee in der Öffentlichkeit funktioniert, manche halten Grunge pauschal für ein reines Medienkonstrukt. Daher war es erforderlich, jede These möglichst gut und eindeutig zu belegen. Das hat zur Folge, daß der Fußnotenapparat an manchen Stellen etwas aufgebläht wirkt. Des weiteren wurde versucht, angesichts der oben angeführten Problematik der subjektiven Berichterstattung in erster Linie Primärquellen heranzuziehen und zu zitieren. Das sind vor allem Interviews, Texte, die Musik und auch Zitate aus anderen Quellen, wobei bei letzteren darauf vertraut werden mußte, daß sie (wenigstens einigermaßen) richtig zitiert und übersetzt sind. Aber auch hier ist wieder die Frage, inwieweit z. B. die in Interviews geäußerte Meinung auch abhängig ist vom Fragesteller. Nirvana erfanden z. B. öfters Geschichten über ihre Bandbiographie, ohne daß dies von den Interviewern erkannt wurde. Hier war es zudem wichtig, auch längere Zitate mitaufzunehmen, weil die Sprache, in der ein Problem dargelegt wurde, oftmals eine zum eigentlich Gesagten zusätzliche Aussage hatte, was mit kürzeren Zitaten nicht zum Tragen gekommen wäre. Das Fehlen seriöser analytischer Literatur hatte auch zur Folge, daß über weite Strecken, ohne daß dies explizit im Text so gekennzeichnet ist, eine zeitgleiche Einschätzung der Pressemeinungen erfolgt. Das Thema "Grunge" berührt die verschiedensten Wissenschaftsgebiete (Musikwissenschaft, Musikpsychologie, Soziologie, Psychologie, Sozialphilosophie u. a.), deren nähere Kenntnis eigentlich Voraussetzung für eine qualifizierte Analyse wäre. Da dies, zumal wegen der kurzen Ausarbeitungszeit, unmöglich war, kann es durchaus sein, daß sich bei intimerer Kenntnis verschiedener Fachgebiete manche Thesen als überholt, zu vereinfachend, zu monokausal, zu selektiv oder überinterpretiert erweisen. Dieses Risiko mußte aber, auch wegen der zeitlichen Nähe zum Untersuchnungsobjekt, bewußt einkalkuliert werden. Verschiedene Thesen sind deswegen nur angedacht, haben oftmals nur hypothetischen Charakter und konnten oftmals nur unzureichend oder gar nicht belegt werden. So ist der über weite Strecken vorherrschende Sprachmodus der Konjunktiv. Der Verfasser selbst ist in keinster Weise ein Anhänger von Grungerock. Das hatte den Nachteil, daß Entwicklungen erst im Nachhinein rekonstruiert werden mußten und so vielleicht verzerrt dargestellt wurden, sowie, daß keine intimen Kenntnisse von Bands und Veröffentlichungen vorhanden waren, wie sie ein Fan normalerweise mitbringt. Andererseits war aber auch die Gefahr geringer, den eigenen Musikgeschmack rechtfertigen zu müssen oder die eigene psychische Konstitution mit dem psychologischen Gehalt der Musik oder der Szene als Ganzem zu verquicken.

Einleitung

Am 5. April 1994 erschoß sich Kurt Cobain mit einer Schrotflinte in seinem Haus in Seattle. Es war dies der spektakuläre Schlußpunkt einer musikalischen Subkultur, die gemeinhin unter dem Namen Grunge die Musikwelt von Grund auf verändert hat. 1992 und 1993 überrollte diese Grungewelle, aus den U.S.A. kommend, Europa, die sich im Straßenbild schon bald mit häßlichen Ziegenbärte, Flanellhemden und Doc Martens bemerkbar machte. Kein Zeitgeistmagazin, keine Musikzeitschrift, die sich nicht des neuen Phänomens annahm. Musikexperten sahen ein neues Musikzeitalter angebrochen, Soziologen freuten sich über eine neue Jugendkultur, die man analysieren konnte, und die Jugend hatte wieder ein neues Outfit. Auf den ersten Blick stellte sich Grunge als eine klassische Erscheinung des Rock mit den dazugehörenden soziologischen Begleiterscheinungen wie Mode und Oppositionsattitüde dar. Bei einer differenzierteren Betrachtung fallen aber schon bald einige Ungereimtheiten bezüglich der Klischees auf. Dies näher zu untersuchen, soll die Aufgabe in dieser Arbeit sein. Es wird sich zeigen, daß eine isolierte Darstellung des Grunge ohne die Berücksichtigung größerer gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht sinnvoll erfolgen kann. So wird man Grunge, wie Rockmusik allgemein, auch als Symptom für den Status Quo der modernen Gesellschaft verstehen können. Dies soll in mehreren Schritten erfolgen: In einem ersten Teil wird zunächst die äußere Entwicklung knapp und relativ unkommentiert referiert. Als nächster Schritt wird die Musik an sich näher analysiert und eingeordnet, wobei der Versuch einer musikpsychologischen Interpretation unternommen wird. Im Anschluß an die Würdigung einiger ausgewählter soziologischer Phänomene werden die sozialpsychologischen Komponenten näher beleuchtet, wobei eine umfassendere Untersuchung der gesellschaftlichen Bedingtheiten nötig war. Dies mündet ein in den Versuch, die Wesenheit und sozialphilosophische Relevanz von Grunge zu umreißen.

O. Begriffsklärung

Grunge ist eine Ableitung des umgangssprachlich verwendeten "grungy", was synonym für "bad" und "inferior" verwendet wird1. Das entspricht fast genau der Bedeutung des ebenfalls nur in der Umgangssprache verwendeten "punk". Es existieren also allein von der Begrifflichkeit schon gewisse Verbindungen zum Punk. Manchmal wird die Definition noch um die Bedeutungen "schmutzig, ungewaschen und stinkend" erweitert, was aber nicht eindeutig geklärt ist; in Lexika findet sich der Begriff "grungy" nicht2.
Gewöhnlich wird für den rein musikalischen Aspekt der Begriff "Grungerock" verwendet und für die Gesamtheit der soziologischen Phänomene der Begriff "Grunge", in Analogie zu Punk - Punkrock oder Gothic - Gothicrock etc. Mitunter wird aber auch für die Musik lediglich der Terminus "Grunge" angewandt. Parallel zu Grungerock erscheint auch oft der Begriff "Seattle-Rock" oder "Sound of Seattle". Nachdem "Grunge" ein Schlagwort des Mainstream geworden war, wurde "Grunge" primär eine Bezeichnung für das, was bis dato als "Grunge-Wear" oder "Grunge-Look"3 bezeichnet worden war, die Mode.

I. Historische Entwicklung

I. 1. Die Anfänge

Von Anfang an ist die Geschichte des Grunge stark verbunden mit der Stadt Seattle im Nordwesten der USA. Deshalb wird oft versucht, Enstehungsumstände und Charakter des Grunge durch die Gegebenheiten in Seattle zu erklären. Dabei werden vor allem zwei Umstände genannt: erstens die schlechten klimatischen Voraussetzungen und zweitens die ungünstigen sozialen Bedingungen. Es ist die Frage, ob Nebel und Regen zwangsläufig zu "manischen Depressionen" und zu einer "hohen Selbstmordrate" führen müssen und zur Kompensation nach einer neuen aktiven Musikszene verlangen. (Obwohl das im Fall London und Liverpool sogar zutreffen mag.) Nicht unmittelbar einsehbar ist weiterhin, weswegen die Existenz von überdurchschnittlich vielen Straßencafés ein anscheinend wichtiges Kriterium darstellt. Es zeigt sich schon hier, was sich später noch oft bestätigen wird; auf der Suche nach Erklärungsmustern wird in Ermangelung stichhaltiger Fakten oft Zuflucht in vereinfachenden Begründungen gesucht. Was sicher seine Richtigkeit hat, ist die Tatsache, daß das gesellschaftliche Leben in Seattle wohl hauptsächlich auf den wohlhabenden Mittelstand ausgerichtet war und sich der Jugend bzw. den Vertretern der Postadoleszenz als sehr unattraktiv darstellte. Bekannte Gruppen ließen die Stadt auf ihren Tourneen links liegen - ein Konzert von Mission Of Burma wurde als Großereignis gefeiert - und wer konnte, floh ins kanadische Vancouver. Da lag es wahrscheinlich tatsächlich nahe, sich eine Gitarre zu kaufen und ein bißchen Krach zu machen und eventuell eine Band zu gründen. Trotzdem war Seattle auch auf musikalischem Gebiet ein bis dato unbeschriebenes Blatt. Jimi Hendrix wuchs zwar dort auf und ist auch dort begraben, aber außer einigen Metal-Bands wie Queensryche oder Metal Church gab es überhaupt keine musikalische Tradition. Anfang der Achtziger bildete sich aber langsam eine kleine, lokale Musikszene, die durch zeitliche Nähe noch ganz in der Punktradition (Punkrock im amerikanischen Verständnis) stand. Zu ihnen gehörten Bands wie U-Men, Malfunction, Green River, Skin Yard und vor allem die Melvins, die ganz im Gegensatz zu der Musik, die sie einige Jahre später machen sollten, sehr schnellen Punkrock spielten, und wahrscheinlich die prägendste Rolle inne hatten. Es war die zwanglose, "unschuldige" "Gründerzeit", die wohl jede neue Musikrichtung durchmacht. Das Ganze spielte sich in einem kleinen, überschaubaren Rahmen ab. Die Mitglieder der Bands kannten sich alle untereinander, viele wechselten die Gruppen, man probte in den gleichen Räumen und hatte den gleichen Tontechniker. Das führte dazu, daß sich die Bands untereinander stark beeinflußten und sie eine "kollektive Resistenz nach außen" entwickelten. Ab ´83 begann diese Szene Punk mit Heavy Metal zu vermischen, zum Kern gehörten jetzt Green River, Melvins und damals schon Soundgarden. Die Washington Post nennt es die "pre-grunge putting-punk-to-the-metal-scene". Im nachhinein ist die Gefahr natürlich groß, die Anfangszeit zu idealisieren, z. B. wenn Matt Cameron, Schlagzeuger von Soundgarden etwas wehmütig meint: "It seemed more innocent and a lot more removed, and it was [...] When we were first playing around we were into writing cool songs, and maybe playing in Portland or Vancouver [...]".

I. 2. Die Rolle von Sub Pop

Sobald in einer Zeitschrift über Grunge berichtet wurde, war dies fast zwangsläufig mit einer Würadigung des Sub Pop-Labels verbunden. Das hatte durchaus seine Berechtigung, denn Mitte der Achtziger betrat ein Mann die Szenerie, der wie kein anderer die Grungeszene beeinflussen sollte: Bruce Pavitt, ein Zuwanderer aus Chicago, der am State College von Olympia Punkrock studiert hatte. 1986 hatte er mit einem (geliehenen) Startkapital von 43 000 Dollar das Sub Pop-Label gegründet. Sub Pop war ursprünglich ein Fanzine von Pavitt. Bald begann er mit Sammelkasetten von regionalen Musikszenen in den ganzen Vereinigten Staaten, seine erste Vinylproduktion aber war der Szene von Seattle gewidmet. Über den gemeinsamen Freund Kim Thayil von Soundgarden lernte er Jonathan Poneman kennen, einen Radio-DJ und Rockkonzert-Promoter. Zusammen "verdichteten sie die diffusen Trends der Subkultur zu einem prägnanten Stil, sie verwandelten ein lokales Lebensgefühl in ein exportfähiges Image". Eine wichtige Rolle spielte auch Jack Endino, ein ehemaliger Navy-Techniker, der "so etwas wie der Pate der Seattle-Szene" war. Er war der Produzent von Sub Pop und gleichzeitig der Liebling der Szene, weil er, ganz dem Punk-Ethos verpflichtet, den Bands weitgehend künstlerische Freiheit gewährte. So sah er sich selbst nicht als Produzent, sondern sprach schlicht von "aufnehmen". Im Gegensatz dazu zeigten Pavitt und Poneman von Anfang an auch ein geschäftliches Geschick: Sie "waren gerissen, konnten gut reden und hatten ein ausgezeichnetes Gehör. Sie verstanden sich hervorragend auf Vermarktung, und da sie die Erfolge und Mißerfolge früherer Independent-Labels genau beobachtet hatten, gelang es ihnen in Windeseile, Sub Pop zum aufregendsten Ding im Independent Rock zu machen". Außerdem setzten sie schon sehr früh auf den Authentizitätsbonus, indem sie die Ursprünglichkeit der von ihnen gemanagten Gruppen betonten18. Dies erreichten sie zum einen mit einfacher, analoger Aufnahmetechnik, aber z. B. auch mit grobkörnigen und verschwommen Schwarzweißbildern, die vornehmlich nicht die Bands, sondern die Fans mit viel Haaren, Schweiß und nackten Oberkörpern zeigten. Außerdem war es Teil ihrer Strategie wieder Vinyl-Singles anstatt CDs herauszubringen. Vor allem Pavitt galt als "Image-Fetischist", der eine Art Ästhetik des Häßlichen kultivierte. Über Fotos, die bei einem Konzert aufgenommen worden waren, sagte er: "Man konnte die Akne und Bartstoppeln sehen, und alles war so echt (Hervorhebung im Text). [...] Diese Typen waren häßlich - sie waren das absolute Gegenteil des L. A.- Look. Ich wollte diese Bilder nehmen, um zu demonstrieren, daß diese Leute echt waren". Am Sprachduktus kann man schon eine gewisse emotionale Distanz erkennen. Wenn er von "diesen Typen" und "diesen Leuten" redet, scheint er sich selbst nicht unbedingt dazugehörig zu fühlen. Von Anfang an versuchte er, die von ihnen vertretenen Gruppen zu homogenisieren. Dazu Kurt Cobain: "Es gab Druck von Sub Pop und von der Szene Rock zu spielen. Reduziere es auf das Wesentliche und sorge dafür, daß es wie Aerosmith klingt", und später: "Sie taten wie ein Independent-Label, handelten aber wie ein Major-Label". Es wäre natürlich zu vereinfachend, den schwarzen Peter der Kommerzialisierung jetzt schon den geschäftstüchtigen Sub Pop-Managern zuzuschieben, aber zur weiteren Entwicklung haben sie bestimmt nicht unerheblich beigetragen. Immerhin bemerkt auch der Rolling Stone: "Their marketing strategy has been to create Sub Pop as an identity". Nicht zuletzt erreichten sie dieses Ziel, indem sie den Begriff "Grunge" erfanden.

I. 3. Der Aufstieg

Langsam in Bewegung kam die Szene 1985 mit der Veröffentlichung der Compilation Deep Six, auf der Skin Yard, Soundgarden, The U-Men, Malfunkshun, Melvins und Green River vertreten waren. Zur gleichen Zeit taucht auch zum ersten Mal der Begriff "Grunge" auf. Anscheinend wurde auch dieser von Bruce Pavitt geprägt, der die unter seinem Label zusammengefaßten Bands eine zutreffende Charakterisierung verpassen wollte. Aber sofort hatte man auch versucht, sich gegen diese Vereinheitlichung zu wehren: "Das ist doch nichts als ein Etikett, Mann. Das kriegt eben jede Band aus Seattle verpaßt, die Powerchords, Distortion und einen harten Beat hat" (Kurt Cobain). 1987 folgten Einzelveröffentlichungen wie Dry as a Bone von Green River und 1988 Screaming von Soundgarden.
Sub Pop schloß damals keine Verträge mit den Gruppen ab. Außerdem agierten sie mit einem ganz neuen Vertriebssystem: Für 35 Dollar im Jahr konnten Fans, die im Sub-Pop-Singles- oder 7-inch-Club organisiert waren, sämtliche Neuveröffentlichungen abonnieren. "Auf diese Weise", so Pavitt, "konnten wir unbekannte Bands vorstellen und die Firma als Mutter all dieser Bands etablieren. Die Leute konnten sich auf uns verlassen. Wo Sub Pop draufstand, wurde garantiert Krach geboten". Als Kenner der Independent-Szene wußten Pavitt und Poneman um den Umstand, daß der Erfolg amerikanischer Gruppen oft den Anfang in England gehabt hatte, und so gingen sie das für ein kleines Independent-Label große finanzielle Risiko ein, den Musikjournalisten Everett True vom Melody Maker einfliegen zu lassen, um ihm die neue Szene zu präsentieren. Wie sich herausstellen sollte, zumindest in finanzieller Hinsicht, eine der klügsten Entscheidungen der Musikgeschichte. True war begeistert und ließ das auch seine Leser wissen, und bald folgten die amerikanische Presse und Plattenfirmen. Als dann noch John Peel vom Sub Pop 200-Album mehr oder weniger behauptete, daß es "so ein Denkmal regionaler Musik seit dem Siegeszug des Motown-Labels in Detroit Mitte der 60er Jahre nicht mehr gegeben hätte", was ungefähr so viel bedeutet wie fünf Grammys auf einmal zu bekommen, war der Siegeszug eigentlich schon vorprogrammiert. Über die Gründe der englischen Euphorie sagt Pavitt: "Der Grund dafür war, daß unsere Sachen regionale Identität hatten und regionalen Geschmack verkörperten. Die Geschichte der Rockmusik besteht aus Einzelteilen - Labels und regionalen Szenen. Wir haben das von Anfang an verstanden". Und tatsächlich ging es seitdem steil bergauf. Die EP Superfuzz Bigmuff von Mudhhoney war über ein Jahr lang in den englischen Independent-Charts. ´89 erschienen zwei Debütalben: God´s Balls von TAD und Bleach von Nirvana und damit der endgültige Durchbruch. Den Erfolg von Bleach beschreibt Pavitt so: "Bleach kam auf den Markt und verkaufte sich und verkaufte sich. Ich habe in der gesamten Geschichte des Labels keine Platte erlebt, die ein solcher Dauerbrenner gewesen wäre. [...] Die Mundpropaganda war das Entscheidende - da draußen passierte etwas besonderes". Die wichtigsten und bekanntesten Gruppen zu dieser Zeit waren: TAD, Soundgarden, Mudhoney und Nirvana.

I. 4. Der Zenit

Die ´89 erfolgte "`Sub Pop´-Hysterie" erfolgte ohne großen Werbeaufwand und die internationale Presse wurde auf die Seattle-Szene aufmerksam. Spex kürte Sub Pop zum Label des Jahres ´89. Von nun an faserte die Grunge-Szene aus. Sie blieb weder auf Sub Pop noch auf Seattle beschränkt. Die ersten Gruppen wechselten zu Major-Labels: Soundgarden zu A&M und Nirvana zu Geffen Records. Auch die Urgrungeband Melvins zog sich schon zu diesem Zeitpunkt von Sub Pop und der Grunge-Szene zurück. Endgültig wurde der Erfolg des Grunge allerdings erst im November ´91. Das am 24. September veröffentlichte Nevermind-Album von Nirvana erreichte Platz vier der "Billboard"-Charts (in Deutschland am 6. Januar Platz zwei der Charts) und kurze Zeit darauf schon Platinstatus. Auch MTV spielte das Video rund um die Uhr. Von diesem Zeitpunkt an änderte sich die gesamte Grunge-Szene von Grund auf. Viele Bands - am meisten geschmäht sind wohl die Stone Temple Pilots, aber auch Pearl Jam - versuchten, den Seattle-Sound nachzuahmen bzw. dem angesagten Geschmack zu entsprechen. Viele zogen extra nach Seattle, um besser an einen Plattenvertrag zu kommen. Aber auch die etablierten Gruppen konnten nicht einfach so tun als hätte es den großen Erfolg nicht gegeben. Diese waren hauptsächlich damit beschäftigt, sich selbst und der Gesellschaft zu beweisen, daß sie noch authentisch waren. Die Stimmung innerhalb der Szene wurde angespannt, und die ursprünglich so familiären Beziehungen zwischen den Gruppen wurden durch gegenseitige Beschuldigungen und Verleumdungen, meistens in Bezug auf die verratene Authentizität vergiftet. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet ein Lied das sich indirekt gegen jede Art von Unehrlichkeit und Konsumismus wendet - natürlich auf einer sehr subtilen Ebene - wird zum Auslöser für die Grunge-Welle. Für die nächsten Jahre war Seattle das "Rock-Mekka der neunziger Jahre". Weitere große kommerzielle Erfolge und Top 10-Plazierungen waren zu verbuchen. Die 1991 gegründeten Pearl Jam hatten auf Anhieb überwältigenden Erfolg mit ihrem Debütalbum Ten, Soundgarden hatte ebenfalls hohe Plazierungen mit Badmotorfinger, des weiteren erfolgreich Mudhoney, Alice in Chains, Stone Temple Pilots, Afghan Whigs, Seaweed.

I. 5. Die "Grungeploitation"

Aber mit dem großen Erfolg erreichte auch das, was Mark Sikora als "Grungeploitation" bezeichnet hat, ihren Höhepunkt. Viele Major-Labels versuchten jetzt noch schnell einen Vertrag mit einer der vielen Nachwuchsbands zu ergattern. Grunge, wenn er überhaupt noch so genannt wurde, war innerhalb von zwei, drei Jahren zum Mainstream geworden: Doug Smith: "This is the sound of mainstream rock today, as much as Skid Row was three years ago" und John Rose: "When the first Pearl Jam came out, it wasn´t mainstream, but now it is. It shows the change in the marketplace". Indes schien sich von den Gruppen niemand so recht über den unerwarteten Erfolg zu freuen. Man versuchte trotzig sich gegen die Vermarktungsmaschinerie zu stemmen, mußte aber natürlich scheitern: eine bewußte Authentizität oder Unschuld ist per se nicht mehr glaubwürdig. Nirvanas Nachfolger von Nevermind war ein - vielleicht zu gewolltes - low budget und low tech-Produkt, was wohl ein Beweis für die Independenz von der allgemeinen Erwartungshaltung sein sollte. Ebenso die letzte Soundgarden CD Vs., die wesentlich ungehobelter klingt als der Vorgänger und ohne Videoclip und Singleauskopplung allein die Musik und nicht die Band in den Vordergrund rücken sollte, aber trotzdem den Sprung von null auf Platz eins der Verkaufscharts schaffte. "Was um Himmels willen macht man, wenn sich die abgefahrenen Sachen am Ende besser verkaufen als die eingängigen? Wenn der musikalische Rückzieher zu rohgezimmerten Lärmkaskaden und intellektuellen Wortspielereien dahin führt, daß ein Album die Charts hochschießt und deshalb auf Eins stehenbleibt, weil es darüber keine Null-Position gibt?" Der Erfolg war für die meisten tatsächlich eine Last, und man versuchte mit den unterschiedlichsten Mitteln, die Hysterie zu bekämpfen und falsche Fans abzu- schrecken. Eddie Vedder und Kurt Cobain), mit Publikumsbeschimpfungen, Interviewabstinenz etc. Nirvana z. B. ließen sich auf der Titelseite eines Schwulenmagazins abbilden, und Kurt Cobain ist auf der CD von In Utero in Frauenwäsche zu sehen, was für für viele "Macho"-Fans eine - für europäische Verhältnisse wahrscheinlich eher schwer verständliche - eindeutige Provokation darstellte.
Kurt Cobain sagte auf der Europatournee 1992 nach dem Erfolg von "Smells Like Teen Spirit" dazu: "Wir soffen jede Menge und zerstörten mehr Equipment als notwendig. Wir beschlossen, richtig widerlich zu sein und es den Interviewern schwer zu machen. Wir nahmen nichts ernst. Wir hatten das Gefühl, die Sache noch im Keim ersticken zu müssen. Wir wollten allen anderen das Leben vermiesen". "Grunge" war in der Seattle-Szene längst zum Schimpfwort degeneriert und auch von Sub Pop, das zu den "profiliertesten unabhängigen Plattenfirmen" geworden und auch finanziell gesichert war - durch den Verkauf von Nirvana Geffen Records hatten sie allein durch die Gewinnbeteiligung an Nevermind mehr als 1 Mio. Dollar verdient - distanzierten sich verschiedene Gruppen. Ben Shepard von Soundgarden: "Wir waren nie auf Sub Pop, also waren die Leute auch nicht genervt, als Sub Pop out war. Wir verdanken Seattle nichts, und wir schulden niemandem et - was. Selbst wenn es Seattle nie gegeben hätte, wären wir da, wo wir heute sind..." Es ist nicht ganz geklärt welche Rolle Sub Pop in dieser Ausverkaufsphase spielte. Auf einem Heavy-Metal-Kongreß konnte man z. B. die "Orginal-Grunge-Wear" über Sub Pop bestellen39. Stehen dahinter profane monetäre Interessen, Wut über die Vermarktung der eigenen geliebten Musik oder ein augenzwinkerndes Spielen mit den Mechanismen dieser Maschinerie? Auch in Liedern wurde die Problematik thematisiert. In einem Text von Mudhoney heißt es: "Everybody loves us / Everybody loves our town / That´s why I´m thinking of leaving it / Don´t believe in it now.../ It´s so overblown" oder von Nirvana: "Serve the Servants": Teenage angst has paid off well / Now I´m bored and old." Es ist natürlich ein leichtes zu behaupten, auch dieses Verhalten sei Teil einer Strategie gewesen, die ebenfalls wieder nur die Antihaltung in Popularitätsgewinn oder gesteigerte Verkaufszahlen überführen sollte. In dieser Haltung verharren dann auch jene, die allen Ernstes behaupten, Kurt Cobains Selbstmord wäre auch noch Teil einer Selbstinszenierung oder doch zumindest "stark codiert"40 gewesen. Das Gegenteil ist nicht beweisbar, doch aus der Art der Aussagen, die von den Betroffenen gemacht wurden, läßt sich zumindest vermuten, daß die meisten Akteure das Image des Stars wider Willen tatsächlich nicht medienwirksam einsetzten. So erklärte Kurt Cobain, angesprochen auf den zu erwartenden Einbruch der Verkaufszahlen von In Utero: "Ich bete, daß das passiert, damit wir eine uns angemessene Position wiedererlangen.Seit zwei Jahren flehe ich den Himmel darum an. Vielleicht gibt es Leute, die niedrige Verkaufszahlen für ein Versagen halten, aber uns wird das überhaupt nichts ausmachen. Ganz im Gegenteil, für uns wäre das eine Form von Erfolg. Vielleicht unser größter Erfolg". Der Begriff "Grunge" wurde mehr und mehr abgelöst durch das umfassendere und mittlerweile auch verabscheute "Alternative-Rock". Da es sehr schwierig ist zu definieren, welche Musik als Grunge gelten soll, kann man zudem schlecht sagen, ob es Grunge als eigene Musikgattung noch gibt. Außerdem gab es zu keinem Zeitpunkt auch nur eine Band, die von sich gesagt hätte: "Wir spielen Grungerock." Allgemein wird aber doch der 8. April 1994, der Tag an dem sich Kurt Cobain erschossen hat, als das datierbare (endgültige) Ende von Grunge angesehen.

 

II. Musikalische Analyse des Grungerock

II. 1. Musiktheorie

II. 1. 1. Grunge als Mischung aus Siebziger-Hardrock und amerikanischem Punkrock der Achtziger

Wie bei anderen Musikrichtungen auch, herrscht in bezug auf Grungerock keine Einigkeit darüber, was als Grunge oder Grungerock bezeichnet werden soll. Darüberhinaus ist es für Außenstehende sehr schwer zu bewerten, was ursprünglich die Grungeszene ausgemacht hatte und was erst die Medien später darin sehen wollten. Worauf sich jedoch die allermeisten einigen können, ist, daß Grunge aus einer Verschmelzung von siebziger Jahre Hardrock und Punkrock der Achtziger entstanden ist. Jack Endino, dem man als Tontechniker und Produzent von Sub Pop doch eine gewisse Kompetenz in der Klassifizierung von Musik zugestehen kann, spricht von "Seventies-influenced, slowed-down-punk music". Ursprünglich fühlten sich fast alle Bands der Seattle-Szene dem Punkethos verpflichtet. Die Vorbilder waren Gruppen wie The Stooges, Black Flag, Henry Rollins Band, Killing Joke. "Ur-Grunge-Gruppen" wie Green River bzw. deren Nachfolgeband Mudhoney weisen auch noch einen erheblich größeren Anteil an Punkelementen auf, als die Bands, die erst später gegründet wurden wie Pearl Jam oder Soundgarden. Es fällt außerdem auf, daß Bands, wenn sie ihre Musik selbst beschreiben, fast nie von Grungerock reden sondern fast ausnahmslos von Punkrock44. Unter Punkrock muß man in diesem Zusammenhang immer den amerikanischen Punkrock verstehen zu dem z. B. auch Gruppen wie The Damned, Pixies, Tuxedomoon gezählt werden; der Begriff "Punk" wird in den USA also wesentlich weiter gefaßt, hat in diesem Kontext auch eine andere Konnotation mit einem eher emotionalen als sozialen Gehalt. Man kann in den Anfangszeiten oftmals eine Begeisterung für den Punk(-mythos) ausmachen." Kurt Cobain drückte es so aus: "Ich bin sehr froh, daß ich mich damals dem Punk Rock verpflichtet habe, das gab mir einfach die Jahre, die ich benötigte um mein Weltbild in Ordnung zu bringen. Daß ich Punk entdeckt habe, daß war wirklich ein Gottesgeschenk". Manche Analysen wollen dann wohl auch eher die Punkehre retten, wenn sie Grunge nur als Variation des Punk, als "die Schnittmenge aus amerikanischem 80er Punk und 60er-Garagenpunk" bezeichnen. Um so erstaunlicher war es, daß sich solch eine Szene ausgerechnet einer bis dato verhaßten Musikrichtung, dem Hardrock/HeavyMetal zuwandte. Michael Azerrad beschreibt es folgendermaßen: "Etwa um diese Zeit gab es in der sogenannten Alternativ-Rockszene eine der periodischen Umorientierungen. Obwohl man sich noch ein Jahr zuvor lieber hätte totschlagen lassen, gab man jetzt langsam leise zu, daß - ja - Dinosaurier aus den Siebzigern wie Aerosmith, Led Zeppelin, Kiss oder Alice Cooper ech- ten Rock gemacht hatten. Aber es war auch nicht so, als wäre Punk nie pas- siert. Eine Flut neuer Musiker begann damit, den Hard Rock der Siebziger, mit dem sie aufgewachsen waren, mit dem amerikanischen Independent-Punkrock der Achtziger, der ihnen gefühlsmäßig nahestand, zu verschmelzen". Die Bands waren sich durchaus bewußt, daß das - auch bei der eigenen Anhängerschaft - das "absolut Uncoolste war, was überhaupt irgend jemandem zu diesem Zeitpunkt in den Sinn kommen konnte". Wobei das allerdings auch nicht erklärt, wieso ausgerechnet Gruppen wie Kiss oder Alice Cooper, die musikalisch und vor allem ideologisch in keinster Weise mit Punk kompatibel erschienen, zur Schaffung einer neuen Musikrichtung herangezogen wurden. Aber die Orientierung am Rock der Siebziger, insbesondere an Gruppen wie AC/DC, Motörhead, Aerosmith49 und vor allem Black Sabbath oder Led Zeppelin ist ganz offensichtlich. Dabei wird auch ein starkes psychedelic Element hörbar. So werden auch die einzigen, in der Metal Bible genannten, Gruppen Alice in Chains und Soundgarden u. a. als "psychedelic" klassifiziert.


II. 1. 2. Ambivalente Haltung zum Hardrock

Die Zuwendung ausgerechnet zu Hardrock und Heavy Metal ist schwer verständlich, da in diesem Genre auch die erklärten Feindbilder wie die "beschissenen Guns n´Roses oder Whitesnake"  vertreten waren, die genau die Lebensanschauungen vertraten, die von der Grunge-Szene verurteilt wurden (Sexismus, Machismo). Eine mögliche Erklärung ist die der Authentizität, die aber auch nicht ganz befriedigend ist: "Das Bekenntnis zum Hard Rock der Arbeiterklasse war ein Akt ungewöhnli- cher Ehrlichkeit in einer Welt, in der künstliche Posen die Norm waren, aber es war etwas, das gesagt werden mußte. Beim ersten Ausbruch von Punk Rock war es wichtig gewesen, Punk Rock und nur Punk Rock zu spielen, Inzwischen aber war Punk - wie jede andere originäre Musik - reif für die Assimilation". Das Verhältnis zum Hardrock blieb aber auch immer eher ambivalent. So erklären z. B. Soundgarden, "die Heavy Rock Band für Leute, die Metal hassen", befragt nach deren Ähnlichkeit zu Black Sabbath und Led Zeppelin: "Wir haben ziemlich früh einen Song namens "Incessant Mace" geschrieben, den wir sehr bluesig fanden. Sehr langsam. Text und Gesang waren eindeutig europäisch, eindeutig gothic. Aber weil wir Amerikaner sind, wegen der Ein- flüsse, denen wir als Kinder ausgesetzt waren, klang es letztendlich mehr wie Sabbath oder Zeppelin". In einem anderen Interview charakterisieren sie sich dann allerdings so: Chris Cornell: "Wir sind eine richtige Metalband, aber man hört immer noch Iggy Pop und MC5 durch". Auch Kurt Cobain meinte: "Eigentlich höre ich lieber Young Marble Giants als Heavy Metal". Es scheint also keine bewußte Entscheidung für den Hardrock gewesen zu sein. Vielleicht war es einfach nur die einzige Musikrichtung die noch nicht mit Punk oder Indie gemischt worden war. Ansonsten wäre nur noch Country & Western möglich gewesen. Eine wirklich schlüssige Erklärung scheint es nicht zu geben. Man wird die Antwort wahrscheinlich eher im Wesen der Hardrockmusik selbst, als in den begleitenden soziologischen Erscheinungen suchen müssen (Vgl. Kapitel II. 2.).
Als Vorbilder galten weiterhin (vermeintlich) "ehrliche" Rocker wie Neil Young, der auch als "Grunge-Altvater" bezeichnet wird oder auch Bruce Springsteen, sowie Sonic Youth, deren "Punk mit subtilerer emotionalen Ebene" in ideologischer Hinsicht bestimmt wichtige Komponenten des Grunge vorausgenommen hatte.

II. 1. 3. Musikalische Bedeutung

Aus der Verbindung von Hardrock und Punk wurde aber in keinster Weise eine neue, originäre Musik kreiert, sondern von verschiedenen Gruppen jeweils entweder die eine oder andere Richtung stärker betont. Mudhoney, Green River, Nirvana eher Punk-orientiert; Soundgarden, Pearl Jam, Alice in Chains, Skin Yard eher Siebziger Hardrock-orientiert. Verglichen mit den musikalischen Revolutionen, wie z. B. die des New Wave (Auflösung der Harmonik), Hip Hop (Auflösung der Melodik, der Instrumentierung) oder Techno (Auflösung des Band-Gedankens), die jeweils ein ganz neues Verständnis von Musik nach sich zogen, tendiert Grungerock zur Bedeutungslosigkeit. Damit ist Grunge wohl die einzige Musikrichtung, die als Stilrichtung gehandelt wird, die ganz ohne musikalische Innovationen auskommt. Es ist klassischer Rock. Gruppen wie Soundgarden hätten genausogut vor 25 Jahren existieren können. Die Faszination und Bedeutung muß wohl in einem anderen Bereich als dem der musikalischen Neuerung gesucht werden.



II. 2. Musikalische Charakteristika von Grungerock

II. 2.1. Tempo

Was bei Grunge als erstes auffällt, ist das langsame, schleppende Tempo. Da ist von "zähfließendem" Hardrock, "schleppenden Gitarrenklängen" oder "schwerfälligem Krach" die Rede. Stone Gossard von Pearl Jam wird geradezu lyrisch: "Jahrelang hast du nur Songs runtergekloppt, und auf einmal merkst du, daß ein Riff, wenn du´s langsamer spielst, zu pulsieren beginnt. Es fließt ,wird orga- nisch, es fängt an zu leben und bewegt sich von selbst". Das schleppende Tempo scheint allgemein eine blumige Sprache hervorzurufen, denn auch Marcus Greil meint, daß "der Anfang von "Smells Like Teen Spirit" klingt, wie auf dem Jupiter, wo das Körpergewicht von Müdigkeit, Schlaffheit und Gleichgültigkeit niedergedrückt wird [...] Die Worte brauchen lange, um dieser Schwerkraft und Cobains heise- ren Reibeisenstimme zu entrinnen". Diese Verlangsamung ist um so bemerkenswerter, da im Rockbereich eigentlich eine stetige Beschleunigung des Tempos zu verzeichnen war: Speed-Metal, Thrash-Metal, Industrial-Punk (Ministry). Deswegen kann man das Tempo wohl als eines der wichtigsten Charakteristika ansehen. Es wird sogar von der Entstehung des Grunge allgemein behauptet: "Melvins virtually invented grunge simply by going from being the fastest band in town to being the slowest". Das hat natürlich zur Folge, daß der Grundcharakter der Musik schwerfällig, antriebsschwach, apathisch wirkt.

II. 2. 2. Handwerkliches Können und Technik

Das handwerkliche und technische Können nimmt eine sehr untergeordntete Rolle ein. Der Gitarrist von Mudhoney sagt ganz eindeutig: "Rock´n´Roll ist sicherlich nicht der Ort für Handwerkskunst, Handwerkskunst ist was für den Holzschnitzer, den Bootsbauer". Diese Mißachtung von musiktechnischen Fähigkeiten steht ganz in der Tradition des Punk, der Hier-sind-drei-Akkorde-Gründe-eine-Band-Attitüde. Dahinter steht wohl die Meinung, daß sich Leidenschaft und Energie nicht in ausgefeilten Gitarrensoli oder in einem perfekt abgestimmten Zusammenspiel der verschiedenen Instrumente artikulieren lassen.
Daß das nicht nur eine Authentizitätspose des Wir-können-wirklich-nicht-spielen ist, hört man am besten auf der Unplugged in New York von Nirvana als Kurt Cobain die etwas schwierigeren Barreé-Griffe im Fortgang der Lieder immer weniger "sauber" zustande bekommt. Doch selbst wenn fast kein Akkord mehr gelingt, die Stimme teilweise über mehrere Takte hinweg einen halben Ton zu tief ist, wirkt es auch bei ruhigeren Liedern nicht peinlich. Der Ausdruck ist das Wichtige, nicht die handwerkliche Perfektion. Nur so kann man verstehen, wieso die unplugged session von Nirvana als eines der großen musikalischen Ereignisse der letzten Jahre gilt.
Allgemein lehnt man anspruchsvollere Musik ab, wichtiger sind "Energie und Leidenschaft", wobei Grungerock mit dessen struktureller Komplexität im Vergleich zu anderen Metal- oder Punkspielarten sicher selbst als eher anspruchsvoll gelten muß. In der Metal Bible werden dann auch die beiden behandelten Gruppen Mudhoney und Alice in Chains als "high standard" kategorisiert. Wiederum ist sehr verwunderlich, warum die Bands, wenn sie Handwerk und anspruchsvolle Musik ablehnten, ausgerechnet Rock spielen wollten. Reiner Punk oder Hardcore wären eigentlich viel naheliegender gewesen.

II. 2. 3. Besetzung, Instrumente, Sound

Die Besetzung war konventionell: Gesang, Baß, Gitarren - meistens Rhythmus- und Sologitarren -, Schlagzeug. Das Ganze verteilt auf vier bis fünf Mann, und es ergibt die klassische Rockband. Eine Ausnahme bildeten Nirvana, die am Anfang zwar auch mit zwei Gitarristen gespielt hatten, sich später aber auf einen beschränkten. Aus dieser Besetzung ergab sich schon fast zwangsläufig ein klassischer Rocksound. Auf technische Raffinessen wurde zur Gänze verzichtet: kein Synthesizer, kein Drumcomputer, kein Sampling. Das stand sicher im Zusammenhang mit dem Streben nach Authentizität. In seltenen Fällen wurden für kleine Parts klassische Instrumente aufgenommen: z. B. Cello oder Trompete bei Nirvana, was man aber bestimmt nicht als stilprägendes Element betrachten kann. Von vornherein hat man sich damit in den Ausdrucksmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Etwas wirklich Neues zu kreieren war dadurch eigentlich schon nicht mehr möglich. Alle Instrumente wurden paritätisch behandelt, Schlagzeug und Baß im Vergleich zu den Gitarren allerdings besonders betont. Das verursachte einen "punkigeren" Gesamtsound. Der Gesang ist im allgemeinen sehr emotional und fügt sich meistens sehr gut in den Gesamtklang ein, ist weniger stark betont wie zum Beispiel im klassischen Heavy Metal oder Sleaze-Rock. Eine sehr wichtige Rolle spielt der dröhnende, wuchtige Baß, der Grunge so schwerfällig wirken läßt. Der Baß treibt nicht voran, sondern hält sich durchaus auch auf rhythmischen und harmonischen Nebenplätzen (Leittöne oder Verzierungen, die für das harmonische Verständnis nicht unbedingt erforderlich sind) auf. Die Gitarristen durften ein Revival des Solos feiern, aber ohne daß dabei in musikalische Klischees des Guitar-Hero verfallen wurde. Das Schlagzeug hat die klassische Rolle des rhythmischen Hauptträgers, wobei das ohnehin schon schleppende Tempo oft noch durch Vorwegnahme des Offbeat und andere Verzögerungen zusätzlich gedrosselt wurde. Auch der Gesamtaufbau der Lieder ist oftmals geradezu idealtypisch. Refrain - Strophe - Refrain. Also auch in dieser Hinsicht klassischer, konventioneller Rock.

II. 2. 4. Harmonik

Eine grundsätzliche Tendenz in der Musik zu dieser Zeit war sicherlich die zunehmende Reduktion bzw. Auflösung der Harmonik, man kann auch sagen des europäischen oder des "weißen" Anteils der Rock- bzw. Popmusik, allermeistens zugunsten der Rhythmik.
Der Punk hat die Harmonik auf drei Akkorde reduziert, der New Wave mit seinen Nachfahren (Industrial, Electronic) hat die Bahn geebnet für reine Tonalität bzw. den puren Klang, in dieser Beziehung gleich verhält sich Techno, abgesehen von Musikzitaten auch die gesamte Dancefloor- und House-Musik. Auch der im Moment boomende "Alternative-Rock" weist im Vergleich zu Grunge wieder eher schlichtere harmonische Strukturen auf. Als einzige damalige musikalische Subkultur verfügte Grungerock über ausgeprägtere, harmonische Zusammenhänge. Das heißt neben den Dur-, Moll-, und Dominantseptakkorden, werden auch "anspruchsvollere" Erweiterungen wie Quart, None etc. (wieder) verwendet. Es sind auch hier wieder "klassische" Rockharmonien, natürlich besonders bevorzugt die Akkordfolgen aus dem Siebziger-Rock. Harmonik bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem eines: der Wechsel zwischen Spannung und Auflösung, z. B. vom Dominantseptakkord zum Grundakkord oder die klassische Akkordfolge im Rock: Tonika, Dominante, Subdominante. Damit ist ein ganz wichtiger Umstand verbunden: Es findet musikalische Entwicklung innerhalb eines Stückes statt. Das bedeutet, man muß das Stück als Gesamtheit begreifen, um es zu verstehen. Die Rezeption des Gesamtsounds reicht nicht aus. Bei New Wave, Rap und vor allem Techno ist es im Prinzip egal, welche Stelle eines Liedes man hört, der Eindruck ist immer gleich. Die Spannung, wenn vorhanden, ist zeitgleich im Klang selbst. Bei harmonischen Zusammenhängen verändert sich die Spannung eher linear fortschreitend, also zeitlich. Hinzu kommt, daß im Grunge oft unterschiedliche Stimmungen in einem Lied aufeinander folgen, z. B. in der Strophe resigniert, im Refrain aggressiv-zornig ("Smells Like Teen Spirit"), so daß die Gesamtheit abermals wichtig wurde. Dann scheint es nur logisch, daß sich einige Grunge-Musiker auch für die "Ur"-Harmonie des Blues interessierten. Generell ist eine starke Betonung der Bluenotes festzustellen, und zwar im eigentlichen Sinn, also das Schweben zwischen kleiner und großen Terz bzw. zwischen reiner und verminderter Septime, und nicht das Nebeneinander wie es z. B. auch im New Wave verwendet wurde. Besonders auffällig ist dies bei Nirvana. Taktelang hält sich Kurt Cobain z. B. bei "All Apologies" zwischen kleiner und großen Terz auf, ohne eine differenziertere Melodie daraus zu entwickeln. Das wohl bekannteste Riff des Grunge-Rock überhaupt, die ersten vier Akkorde von "Smells like Teen Spirit" folgt genau diesem Prinzip: Durakkord über Tonika - Subdominante, Durakkord über der verminderten Terz mit Subdominante. Kurt Cobain war begeistert vom Blues und hier besonders von Leadbelly, aber auch andere prominente Grunge-Musiker fühlten sich zum Blues hingezogen. So nahm z. B. Stone Gossard von Pearl Jam 1993 für wenig Geld unter dem Namen Brad ein Rhythm & Blues Album auf. Vielleicht läßt sich durch solche Affinitäten zum Blues am ehesten das "melancholische Grundgefühl"75 des Grunge erklären. Die ausgeprägten harmonischen Strukturen, insbesondere die Bluesorientierung, sind sicherlich Ausdruck eines emotionalen Gehalts der Musik, besonders von Leid, Schmerz, Verzweiflung.

II. 2. 5. Melodik und Rhythmik

Besonders der Gesang, aber auch Gitarren und Baß sind in dem Sinn sehr melodiös, daß auch komplexere Melodiebögen entwickelt und nicht wie zum Beispiel beim Punkrock lediglich verschiedene rhythmische Muster auf unterschiedlichen Tonhöhen wiederholt werden. Die melodische Komponente fällt naturgemäß vor allem bei balladenähnlichen Stücken stärker ins Gewicht, besonders deutlich bei Pearl Jam und Stone Temple Pilots. Grungerock wird allgemein auch als Rock mit "sehr poppigen Melodien" oder "schmieriger Pop" charakterisiert. Oft ist in diesem Zusammenhang von den Beatles die Rede. Die New York Times sprechen von Nirvana als einer "Mischung von Black Sabbath und den Beatles" und Kurt Cobain macht gar keinen Hehl aus seiner Neigung zu den Beatles und Pop allgemein, wenn er behauptet: "Ich bin ein Beatles-Fan. Ich kenne nichts Schöneres als einen Beatles-Song". Auch Grey Dulli, Sänger der Afghan Whigs schließt sich dem an, wenn er sagt: "Ich mag Popmusik, und wir waren auch nie eine Punk-Rock-Band. Mich interessieren Songs mehr als Attitüden". So wäre es bestimmt nicht übertrieben, neben Hardrock und Punk auch Pop als musikalischen Einfluß anzusehen, wobei man das auch bereitwillig zugab, obwohl Pop natürlich genau wie Heavy Metal in der Independent-Szene keinen guten Ruf besaß. In rhythmischer Hinsicht kann man den Grunge-Rock eigentlich nur als reaktionär bezeichnen, die verwendeten Rhythmen existieren ausnahmslos schon seit den Anfängen der Rockmusik. Angesichts der "schwarzen" Einflüsse in fast allen musikalischen Richtungen ist dies um so erstaunlicher, weil durch den fehlenden Rhythmus die Musik an Drive oder Schwung verliert. Bezeichnenderweise ist Grunge auch in bezug auf Ausübende und Hörer eine rein "weiße" Musik. Es wird wenig mit Synkopen und Offbeat gearbeitet. Insgesamt ist sehr wenig Bewegung in der Musik; sie wirkt irgendwie lethargisch. Grunge gilt allgemein als ausgesprochen "unsexy"81 und tatsächlich macht die Musik einen "impotenten" Eindruck. Jon Savage beschreibt z. B. Layne Staley, Sänger von Alice in Chains als "jungenhaft, fast androgyn"82 wirkend und ein Konzert von ihm als "eine Demonstration männlicher Resignation, eines Geschlechts, das seine Rolle verloren hat". Das liegt sicher auch an der fehlenden Rhythmik. Manche Analytiker stellen dann z. B. auch einen Zusammenhang zu der Textzeile "I don´t have a gun" (Schußwaffen als Symbol für männliche Sexualität) von "Come as you are" (Nirvana)84 her (Vgl. auch Kapitel V. 3. 2.).

II . 2. 6. Zusammenfassende Charakteristik

Was kann man nun mit diesen musikalischen Merkmalen über den Gesamtcharakter der Musik sagen? In der Presse wird Grungerock sehr unterschiedlich beschrieben. In Publikumszeitschriften wird nicht näher differenziert und Grungerock meistens mit Punk irgendwo in ein Schmuddeleck gestellt. Z. B. "Grunge: [...] düstere, schnelle und harte Rockmusik" in der Fernsehwoche. Der Spiegel dagegen hat den Kern mit seiner Charakterisierung erstaunlich gut getroffen: "Sie (sc. die Grungerockbands) lassen die Energie von Punk auf die Härte von Heavy-Metal prallen und verbinden beides mit Pop-Melodien. Aus dieser Mi- schung erfinden sie eine Art neue Rockmusik, die in sich geschlossen wirkt - laut und unschuldig, resigniert und wütend, verletzlich und eigenständig (Hervorhebungen durch Verf.)". Azerrad beschreibt die Musik Nirvanas als "...die Mischung von Passivität und Aggression, die sich in einer Entwicklung von einer hypnotischen Feierlichkeit zu einem sich überschlagenden und ge- brüllten Wahnsinn niederschlug". Und Kim Thayil meint Grunge sei schlicht: "sloppy, smeary, staggering, drunken music". Immer wieder wird von einer Mischung aus Aggressivität und Emotionalität gesprochen. Tatsächlich handelt es sich um ein zeitgleiches Nebeneinander von Empfindsamkeit und Härte, wobei der gefühlsbetonte Anteil bei der Rezeption, hier vor allem der Mainstreampresse, oft nicht genügend berücksichtigt wurde. Musikalisch wird dies z. B. dadurch sichtbar, daß viele Lieder "zwischen gedämpften, dahinplätschernden Passagen und wild ausbrechenden Blitzkriegen" wechseln. Kurt Cobain erklärt dies psychologisch so: "Die Hälfte der Zeit bin ich ein nihilistischer Wichser, und dann bin ich wieder sehr verletzbar und ernst [...] Das schlägt sich so ziemlich in jedem Lied nieder. Es ist wie eine Mischung beider Aspekte. So sind die meisten Leute in einem Alter. In einem Augenblick sind sie sarkastisch, im nächsten fürsorglich. Es ist schwer, auf dieser Linie zu bleiben". Das sich dies musikalisch irgendwie niederschlägt ist nur folgerichtig. Im Prinzip ist Grungerock trotz der leidenschaftlichen, extremen Gefühlseruptionen eine sehr introvertierte Musik, wobei stets ein Gefühl der Verzweiflung, Resignation bei gleichzeitiger Apathie deutlich wird. Es findet keine Anklage statt, die Aggression ist gegen sich selbst gerichtet. Gleichzeitig wirkt die Musik auch sehr verletzlich, vielleicht weil Gefühle - zwar weniger expressis verbis - aber mit der Musik so direkt offenbart werden. Von daher erklärt sich vermutlich auch die große Lautstärke, mit der die Gruppen bei Konzerten auftreten: So antwortete Ben Shepard von Soundgarden auf die Frage, warum die Konzerte immer so laut sein müßten: "Weil wir uns in einer Verteidigungsposition fühlen. Wir wollen auch körperlich alles wegblasen. Das draußen ist für uns feindlich". Die Wirkung von Nirvanas Musik wurde von Azerrad einmal folgendermaßen beschrieben: "Es wird von einer eigenartig klaustrophobischen, beinahe implosiven Stimmung getragen, die zur Grundhaltung der Texte paßte". Interessanterweise findet sich der Begriff "implodieren" einige Male im Zusammenhang mit Grunge, besonders der Musik von Nirvana. Marcus Greil über das Video von "Smells Like Teen Spirit". "Dieses kleine Schauspiel (sc. der Auftritt Kurt Cobains, der Verf.) verkörpert die Stimmungen und Talismane von fünf Rock´n´Roll-Jahrzehnten, und als es zu Ende geht, implodiert, zerfällt, scheint es, als könnte sich die Musik kaum einen besseren Tod wünschen." Das Bild der Implosion im Gegensatz zur Explosion des Punk scheint sehr treffend. Bezeichnet "Implosion" doch ein Zerbrechen aufgrund eines übermäßigen Außendrucks, und nicht eines Innendrucks. Der Unterdruck der eigenen Leere sucht sich ein Ventil. So wird man das gewalttätige Moment des Grunge wohl auch nicht als Provokation, nicht einmal als bewußten Provokationsversuch, mißverstehen dürfen. Grungerock ist eine sehr ehrliche Musik. Man versteckt sich nicht hinter musikalischen Zitaten, nicht hinter Technik, hinter keiner Schminke und hinter keiner Pose. "Die Musik war in ihrer Sparsamkeit aufrichtig". Grungerock kann durchaus als der Versuch einer unmittelbaren Gefühlsartikulation verstanden werden. Azerrad sagt über die Musik von Nirvana: "Kurts Musik ging simpel und einfach direkt auf die Seele los." Der Indicator spricht dann auch schlicht von "Gefühlsmusik". Kurt Cobain spricht dann aber auch davon, daß die Musik ein "düsteres und rachsüchtiges Element hat, das sich auf Haß gründet". Insgesamt war es der (verzweifelte) Versuch, "in einer Zeit, da Rockmusik nur noch wie eine Sammlung vager Zitate aus der Vergangenheit wirkte, [...] sie auf naiv-brachiale Weise mit neuer Kraft und Direktheit aufzuladen". Genausowenig war es eine Anklage an die ältere Generation, die Politik oder die Gesellschaft, sondern vielmehr eine nicht ziel- oder objektgerichtete Verzweiflung. Ein starkes autoaggressives Element ist in den Texten aber auch in der Musik spürbar: "Rape me my friend / Rape me again / I´m not the only one / Hate me / Do it and do it again". In diesem Zusammenhang muß man sicher auch die gefährlichen Bühnenshows sehen, bei denen auch die eigene physische Verletzung miteinkalkuliert wurde.

II. 3. Einordnung in historische Entwicklung und Verhältnis zu anderen Genres

II. 3. 1. Einordnung in historische Entwicklung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man die Entwicklung der Rockmusik ansehen mag. Eine Möglichkeit ist eine mehr ahistorische, wobei sich die immer gleichen gesellschaftlichen Mechanismen periodisch wiederholen. Am Anfang steht die unmittelbare, authentische, echte Gefühlsartikulation einer soziologischen Gruppe, die ihr Lebensgefühl, ihre soziale Situation in Musik umsetzt, meistens in Abgrenzung zu einer mehr etablierten, anerkannten Musikrichtung. Dies wird nach den Regeln der Systemtheorie zuerst bekämpft, schließlich aber in abgeschwächter Form integriert. Von Led Zeppelin zu Genesis, von den Sex Pistols als Reaktion auf Genesis zu den Toten Hosen , von den Talking Heads als Reaktion auf die Modepunks zu Trio bzw. Lacrimosa oder Mission, von Mudhoney zu den Stone Temple Pilots. Diese Betrachtungsweise ist linear und eindimensional. In dieser Hinsicht war Grunge als Ganzes bestimmt eine Reaktion auf die Gigantomanie und den rein monetären Grundcharakter des Musikbusiness zu Zeiten von Michael Jackson, Prince, Madonna und Roxette. Dieser Sichtweise folgt der Spiegel, wenn er meint: "Mit Nirvana haben die neunziger Jahre jetzt auch in der Rockmusik begonnen. Im Gegensatz zu den etablierten Superstars Jackson, Adams und Sting und den Wegwerfgruppen à la Roxette bestechen Nirvana, ähnlich wie die Erfolgsband R.E.M.,durch ihre sperrige Authentizität und eine merkwürdige Mischung aus Engagement und Apathie". Einen anderen Vorschlag macht Tibor Kneif, der Rockgeschichte als eine "mehrdimensionale Bewegung "begreift. Es geht hier weniger um eine geradlinige, sich immer wiederholende Entwicklung, sondern um eine sich ausweitende Bipolarität von Emotionalität und Kunst. Sein Modell kann er durch folgende, stark vereinfachende Abbildung darstellen. Der Mainstream liegt irgendwo zwischen den beiden Scheren, nicht wie man vielleicht vermuten könnte, auf der oberen.
Diese Betrachtungsweise hat den entscheidenden Vorteil, das man sich die Streitereien um "echte" und "entartete, verwässerte" Musik sparen kann und nur jeweils unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellt. New Wave ist dann eben auch "authentisch". Dieses Modell wird mit der jetzigen Entwicklung wohl das Ende seiner Gültigkeit erreicht haben, weil es auf die "Symbolproblematik" nicht eingeht, kann im Zusammenhang mit Grunge aber doch eines belegen. Frappierend ist, daß im Grunge genau die auf der unteren Linie aufgeführten Musikrichtungen als Vorbilder gelten. Es fehlt noch der Blues jenseits des Rock´n´Roll. Grunge hat in keinster Weise die Bedeutung der anderen Stilrichtungen, aber wenn man Grunge in diese Graphik einordnen wollte, müßte man dies auf alle Fälle auf der unteren, der "emotionalen" Linie antragen. So zeigt sich eine eindeutige Tradition, die vorläufig bei Grunge endet. In dieser Betrachtungsweise liegen Hardrock und Punk auch nicht mehr so weit auseinander, wie das zunächst den Anschein hatte.




II. 3. 2. Verhältnis zu anderen Genres

Zum Zeitpunkt, als Grunge den größten Erfolg hatte, stellte sich die Situation in bezug auf Rockmusik folgendermaßen dar. "In der Rockmusik herrschte damals absolute Leere. [...] Wenn man sich die Top 10 im Jahr vor dem Erscheinen von Nevermind ansah, gab es, abgesehen von Heavy-Metal-Scheiße, mit der niemand etwas anfangen konnte, keinerlei Rockmusik". Ob mit der "Heavy-Metal-Scheiße" niemand etwas anfangen konnte, sei einmal dahingestellt, aber die Rockmusik hatte sich zu dem damaligen Zeitpunkt tatsächlich totgelaufen. Das Tempo konnte beim besten Willen nicht mehr gesteigert werden und auf Innovationen in anderer Hinsicht hatte man vergebens gewartet. Rockmusik war von anderen Genres mehr und mehr zurückgedrängt worden, in Amerika vor allem durch Rap und Hip Hop, in Europa später vor allem durch Techno. Da war die Rückkehr zum Rock, zumal zum Hardrock, in der Tat ein schon fast reaktionärer Akt. Es ist vielleicht eine Überinterpretation, aber man könnte das psychlogisch in einen Zusammenhang bringen mit Regressionstendenzen, die z. B. auch in den Texten und Bildern der schon vom Namen her bedeutungsschwangeren In Utero von Nirvana anklingen: z. B. die Abbildung einer schwangeren Frau und Föten. Vielleicht kommt mit diesem Rückfall in Anachronismen der Rockmusik - z. B. auch mit dem Zerschlagen von Instrumenten - eine Sehnsucht nach der Zeit zum Ausdruck, wo das noch ideologisch unverkrampft möglich war, zurück in den Mutterschoß des Rock´n´Roll.


 

III. Ausgewählte Soziologische Phänome

Grunge ist natürlich nicht nur die Musik allein. Einige ausgewählte Phänomene, die für eine Subkultur besondere Bedeutung haben, sollen im folgenden angesprochen werden.

III. 1. Tanz

Der Tanz hat in jeder musikalischen Subkultur eine wichtige Funktion; als Ausdrucksmittel und als Identifikationsmöglichkeit.
Jede Musik ruft fast automatisch eine dem Rhythmus und dem Gesamtcharakter entsprechende Tanzbewegung hervor, z. B. der aggressiv-dynamische Pogo des Punk, Moshing beim Heavy-Metal, das depressiv-melancholische Einherherschreiten des Gothic, das Hüftschwingen des Rock´n´Roll. Man könnte das weiter ausdifferenzieren nach besonders bewegten Körperregionen (mehr Arm oder mehr Bein und vor allem Becken), Distanz und Kontaktmöglichkeiten mit anderen Tänzern, Platzanspruch u. ä. und versuchen, das psychologisch zu deuten. In diesem Zusammenhang ist aber nur wichtig, daß sich für Grungerock überhaupt kein Tanzstil entwickelt hat. Das hängt entscheidend damit zusammen, daß das Metrum des Grunge-Rock derart langsam ist, und einen Tanzschritt entsprechend der Viertel, wie sonst meistens üblich, nicht erlaubt. Von der Geschwindigkeit würde dies eher dem Gothic-Tanzstil entsprechen und dem Musikcharakter in keinster Weise entsprechen. Eine Verdoppelung der Tanzbewegung, z. B. als Zwischenschritt auf die unbetonten Teile, wie beim Siebziger-Rock-Tanzstil, paßt nicht zum Rhythmus (fehlender Offbeat oder deutliche Achtelbewegung). Was bleibt, und so auch praktiziert wurde, war eine unmotivierte Bewegung des Oberkörpers bei gleichzeitigem arhythmischen Schütteln mit dem Kopf. Auf keinen Fall waren es ausladende, extrovertierte Bewegungen, also gerade keine aggressionsabbauende Bewegung, wie z. B. der Pogo. Dabei werden die ausgestreckten Arme oft noch verschränkt, was den introvertierten Charakter verstärkt. Die Körperhaltung war dabei insgesamt eher geschlossen. Vielleicht besteht zwischen dieser Tatsache und den exzessiven Bühnenshows mit zertrümmerten Instrumenten, Stagediving der Musiker ein ursächlicher Zusammenhang, weil ein Mittel zur Entladung der aufgestauten Aggressionen benötigt wurde. Grungerock ist aus diesem Grund auch keine Diskotheken-Musik. Viele Clubs, die zur Zeit des Grungebooms ein entsprechendes Programm einführen wollten, mußten dies oft schon nach kurzer Zeit wegen mangelnden Erfolges wieder einstellen.

III. 2. Mode

Eine Datenbankrecherche in ausgewählten amerikanischen Zeitschriften unter dem Schlagwort "Grunge" ergab für die Jahre 1993/94 achtzig hits. Das Erstaunliche dabei war, daß sich ungefähr zwei Drittel davon, auf Artikel in Modezeitschriften wie Harper´s Bazaar, Harper´s, Vogue u. ä. bzw. auf Wirtschaftsblätter wie Business Week oder Advertising Age bezogen. Erstere beschrieben und promoteten den "Grunge-Look", letztere sinnierten darüber, wie man ihn am besten vermarkten kann. Ab ´92, vor allem aber ´93 und im Frühjahr ´94 war der "Grunge-Look" aus der Modewelt nicht mehr wegzudenken. Von der Haute Couture, hier besonders Marc Jacobs für das Haus Perry Ellis, bis zu C & A, hatten sich alle auf den neuen Stil eingestellt. Aber schon im Herbst ´94 galt der Grunge-Look wiederum als gnadenlos out und wurde unmittelbar von einem edleren, feminineren Stil, dem Revival der Haute Couture, im eigentlichen Sinn, abgelöst. Zumindest in der Mode war Grunge eindeutig nur ein Look, und nicht die Manifestation eines Lebensstils. Vielleicht stellte das bisher größte Paradox in der Geschichte der Mode dar. Eine "Unmode" wird innerhalb weniger Jahre zum "style". Denn das, was später der "Grunge-Look" werden sollte, war ursprünglich das Prinzip des Anziehen-was-oben-auf-liegt oder, wie Lisbeth Levine sagt, "wearing whatever clothes were scattered on the floor nearest to the bed". Es war eben gerade keine Mode, auch keine Antimode, wie es die Punkmode war. Punkmode wollte provozieren und mit Tabus brechen, und dafür scheute man auch durchaus keine Mühe. Man halte sich nur einmal den Arbeitsaufwand für einen frischrasierten, gefärbten und aufgestellten Irokesen vor Augen. Das Grundprinzip des Grunge hingegen war Funktionalität; deswegen auch die ewigen Flanellhemden. Erstens waren sie eine Notwenigkeit wegen des feuchten Klimas in Seattle, und zweitens und hauptsächlich war es das Billigste. So bestand das durchschnittliche Outfit meistens aus Flanellhemd, Jeans, egal welchen Zustandes, ansonsten viel Secondhand mit Siebzigeranklängen, lange Haare und einem Bart, gleich welchen Aussehens, dazu High-top Sneakers oder "Worker-Boots". Inwieweit Doc Martens, die im Zuge des Grungebooms einen Siegeszug sondergleichen antraten, schon zu Anfangszeiten getragen wurden oder erst später aus der europäischen Independentszene importiert wurden, ist nicht ganz klar. Um sich von der Vermarktung selbst des eigenen Unstils zu wehren, ging man in Seattle sehr schnell dazu über, die später dann ebenfalls vermarktete "Worker-Wear" zu tragen. Das war dann allerdings eine Reaktion auf die Gesellschaft und als Signal an die Gesellschaft gedacht, also Mode. Es bleibt natürlich die Frage, ob ein Total-Egal-Kleidungsstil Mode ist oder nicht. Man wird aber doch sagen können, solange dieser nicht zu einem "Fuck You-Haltung"-Stil mutiert, also mit dem Kleidungsstil kein Image, keine Botschaft, keine Ideologie ausgedrückt werden soll. Das wird auf die Grungeszene wohl über weite Strecken zutreffen.

III. 3. Gruppenverhalten

Was für die Mode typisch ist, zeigt sich auch als grundsätzliche Erscheinung der Grungeszene: Alles was sonst eine Jugendkultur ausmacht, wie gemeinsame Kleidung, Zeichen, Sprachcodes, Rollenverhalten, gemeinsame Ideologien, Werte, und nicht zuletzt gemeinsame Feinde (Negatividentifikation) bleibt beim Grunge sehr vage. Die Freundschaften in der kleinen Seattle-Szene scheinen zwar ausgeprägt gewesen zu sein, aber dies hat sich niemals zu einer zielgerichteten Bewegung konkretisiert. Es entwickelte sich kein starkes Wir-Gefühl, daß sich in Symbolen, Schlagworten oder ähnlichem manifestiert hätte. Ein Pendant zum stolz-trotzigen "Punx not dead" war unvorstellbar. Parolen und Schlagworte fehlen fast zur Gänze. Im Roman Generation X von Douglas Coupland werden zwar einige Bonmots ("Simulate Yourself", "Nostalgia Is A Weapon") aufgeführt, die eventuell so in der Szene zirkuliert sind, aber Identifikationscharakter hatten diese bestimmt nicht. Ein Punk hatte es da verhältnismäßig einfach. Er steckte sich eine Sicherheitsnadel durchs Ohr und sprayte ein überzeugtes "Anarchy in the U. K." oder, wenn er aus Berlin oder Düsseldorf kam ein "Love, Peace and Anarchy, is all we need in Germany" im Zweifelsfall ein "No future" mit Anarchie-A auf die nächste Hauswand, und schon wußte er sich mit der internationalen Punk-Bewegung verbunden. Vielleicht ist es nur bezeichnend, daß eine Vokabel für die Bezeichnung eines Vertreter des Grunge (in Analogie zu "der/ein Punk", "ein Grufti", "ein Rocker" etc.) fehlt. Es gibt ihn nämlich nicht. Man könnte sich zwar einen Ziegenbart wachsen lassen, ein Flanellhemd anziehen, wüßte aber immer noch nicht, was man damit eigentlich ist. Grunge war, wie auch die Generation X, allgemein sehr individualistisch. Zumindest hier in Deutschland gab es auch wenig Grunge-Parties, Grunge-Clubs, Festivals und das was sonst zum subkulturellen Gesellschaftsleben normalerweise dazugehört. Das Lollapalozza-Festival bildet eine Ausnahme. Das verbindende Element war hauptsächlich die (Live-) Musik, die in einer vergessen geglaubten Intensität zelebriert wurde: Die Sänger ließen sich von den Fans durch die Hallen tragen, Instrumente wurden zerschlagen u. ä.


III. 4. Hörersoziologie

Am deutlichsten wird dieses Fehlen eines ideologischen Überbaus bei der Hörersoziologie: von Anfang an war die Anhängerschaft äußerst heterogen. So berichteten grundverschiedene Magazine wie Metal Hammer, Rock Hard und alle anderen Metal und Hardrockzeitschriften, daneben Independent-Zeitschriften bzw. Fanzines wie Howl oder Zillo, Indicator, Intro und natürlich Spex, ME/Sounds und der Rolling Stone über die gleichen Bands. Schon für die Anfangszeit sagt der Rolling Stone über die Attraktivität des Grunge für unterschiedliche soziale Gruppen: "Metal kids from Seattle´s suburbs liked punk´s exotic cool, while downtown punks liked metal for its theatricality, for it´s uncanny ability to annoy pointy headed New Wavers and because it just plain rocked". Und so kam es auch, daß trotz eindringlicher Warnung der Gruppen, die mit ihrer Musik eigentlich nur eine bestimmte Zielgruppe ansprechen wollte ("If any of you in any way hate homosexuals, people of a different colour, or women - please do this one favour for us: Leave us fucking alone!)" sich genau die Leute deren Musik anhörten, die man eigentlich nicht haben wollte. Kurt Cobain: "Ich weiß nicht, wer sie sind, was sie wählen, wie sie aussehen. Sicher schlagen einige davon ihre Frau, andere setzen ihren Hund aus, wenn sie umziehen. Haben wir mit diesen Menschen irgend etwas gemein?" Man kann also nur sehr schlecht, Aussagen über das "Grunge-Milieu" machen.
In Europa waren die meisten Anhänger wahrscheinlich schon aus dem gymnasialen, studentischen Umfeld, als Nachfolger des New-Wave-Gymnasiasten der Achtziger-Jahre. In Amerika war es anscheinend ein vom Bildungsniveau unabhängigeres Phänomen.
Obwohl sich viele Vertreter des Grunge für feministische Ideale oder, in diesem Zusammenhang vielleicht besser, die Würde der Frau, einsetzten, gab es innerhalb der Grunge-Bands keine Frauen. Grunge blieb ein männliche und weiße Musik. Im Gefolge fanden sich dann aber, meistens unter dem Girlie-Etikett, zahlreiche Frauenbands wie L7, Babes in Toyland, Hole, Scrawl .

IV. Merkmale der modernen Freizeitindustrie

IV. 1. Kultur der Subkulturen

Für eine ausführliche Analyse der Freizeitindustrie, wie sie sich heute darstellt, ist hier nicht der Platz. Die auffälligsten Tendenzen sollen jedoch angesprochen werden, um dann in einem weiteren Schritt herauszufinden, in welchem Verhältnis Grunge zu dieser Freizeitindustrie steht. Dies geschieht selektiv an ausgewählten Beispielen, was aber die Grundproblematik erfassen dürfte.
Das auffallendste Charakteristikum heutiger Gesellschaft, das in der Freizeitindustrie nur am besten sichtbar wird, weil die Rolle der Freizeit und deren Industrie selbst ein Symptom dafür ist, ist die Auflösung der kulturellen "bürgerlichen" Mitte. Es herrscht allgemein kein Konsens über grundsätzliche allgemein anerkannte Werte und Lebensweisen, seien diese nun objektiv richtig oder falsch. "Die Gesellschaft organisiert sich in zahllosen Kreisen, die sich zwar noch berühren mögen, sich auch partiell überschneiden, sich aber nicht mehr konzentrisch zueinander verhalten". Es entsteht so eine "Kultur der Subkulturen". In Analogie dazu ist auch das Publikum der Rockmusik in Marktsegmente aufgeteilt, "die sich Identität oder zumindest ein Spiegelbild ihrer selbst, verpackt als Musik, verkaufen lassen". Ohne in das kulturpessimistische Klagelied über den Sinnverlust der Gesellschaft einzustimmen, ist doch klar ein Werteverlust - in bezug auf die "bürgerliche Moral" - festzustellen.

IV. 2. Beliebigkeit der Werte

An deren Stelle tritt ein Wertepluralismus, der eigentlich fast keine Beschränkungen kennt. (Die political correctness ist in diesem Zusammenhang nicht als Bündelung von verschiedenen Entwicklungen zu einer neuen Moral, sondern sicher auch nur als eine von vielen, dazu in ihrer Verlogenheit offensichtlichen, Werteoption zu verstehen). Das bedeutet natürlich eine noch nie dagewesene kulturelle Freiheit. Zum ersten Mal besteht die gefahrlose Möglichkeit, das zu verwirklichen was der Existentialismus schon vor fünfzig Jahren gefordert hat: eine Wahl des eigenen Lebens. Die Printmedien spiegeln dieses Everything-Goes wider: In der Mode z. B. Space-Look neben Romantik- oder Öko-Look, Girlie-Outfit neben Vierziger Jahre Diva-Style; im Life-Style sind es Cyber-Sex-Erfahrungsberichte neben den Wahre-Liebe-wartet-Appellen. Werte, Ideale sind nicht mehr tradiert und erlebt, sondern lediglich übergestülpt. Das ist natürlich keine besonders orginelle Erkenntnis. Es ist aber um so interessanter, daß das Wissen um diese Entwicklungen schon sehr verbreitet sind. In Trust einem Punk/Hardcore-Fanzine hat der Schreiber zwar noch Schwierigkeiten mit Grammatik und Kommasetzung, aber die gesellschaftlichen Tendenzen hat er erkannt: "Genau so siehts nämlich aus! Jeder leistet sich die Ideale, die er sich eben so erlauben kann, was das Ganze noch schlimmer macht ist die Tatsache das es ja mittlerweile ein ganzes Kaufhaus voller Ideale gibt. Jeder kann sich individuell sein temporäres Idealleben aussuchen - konsequenzlos versteht sich". Damit einher geht natürlich ein häufiges Wechseln von Lebensanschauungen und Idealen und um so mehr von den Symbolen für bestimmte Ideale. "In der Dromokratie (dem Machsystem der Beschleunigung), in der wir, wenn Paul Virilio recht hat, inzwischen leben bzw. uns die Zeit vertreiben ist Bestand haben etwas Gesetzwidriges. Hier ist selbst die gründlichste Wahrheit dazu verurteilt, nur eine "Welle" von kurzer Dauer zu sein". Kleidung, Symbole, Verhaltensweisen sind nicht mehr folgerichtiger Ausdruck einer erlebten Wirklichkeit, sondern nur noch Look, und das gilt auch in bezug auf Subkulturen. Madonna schmückt sich mit Kreuzen, Gothics fühlen sich mißverstanden, weil in Wirklichkeit nicht "Gott tot ist", sondern "Jesus lebt", Armani-Anzüge trägt man nicht nur in der Bank, sondern auf Raves, wenn jemand violette Haare hat, ist es wahrscheinlich kein Punk sondern eine emanzipierte Seniorin, die "mal ganz was anderes ausprobieren wollte", Glatzen sind sowieso allgemein megain, Joschka Fischer trägt Anzug und Wofgang Schäuble flirtet mit den Grünen: die Welt ist aus den Fugen! Hier wird ein grundsätzlicher Konflikt deutlich, den Erich Fromm schon in den siebziger Jahren mit dem Gegensatz zweier grunsätzlich verschiedener Existenzformen versucht hat darzustellen. Der Seinsmodus versus den Habenmodus. Fromm selbst hat diese Bipolarität nicht explixit auf Lebenskonzepte angewandt, die konsequente Fortsetzung wäre es aber. Man hat eine Lebenseinstellung, man hat die Symbole, die Verhaltensweisen, ist es aber nicht mehr. Was mit dieser Habenmentalität dann unmittelbar zusammenhängt, ist ein ausgeprägter Konsumismus. Auf musikalischem Gebiet, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, lösen sich ebenfalls traditionelle Fronten verschiedener Ideologien auf. Eine Unterscheidung zwischen E- und U-Musik ist teilweise nicht mehr möglich. Ist Carmen in der Münchner Olympia-Halle noch E(rnstzunehmende)-Musik und sind die Einstürzenden Neubauten oder Deine Lakaien (unplugged) U-Musik? Was aus dieser Situation resultiert, ist eine existentielle Verunsicherung bezüglich des eigenen Standpunktes.

IV. 3. Bewußtheit der Relativitäten

Ein weiteres Resultat der oben beschriebenen Entwicklung ist, daß das Prinzip von Kultur und Gegenkultur nicht mehr funktionieren kann. Auch der Protest "geht auf im alles umfassenden Prinzip der Verwertbarkeit auf dem Warenmarkt". Das Beispiel verschiedener Fernsehentertainer soll den derzeitigen Bewußtseinsstand bezüglich oben erläuterter Entwicklung exemplarisch verdeutlichen. Da gibt es verschiedene Gruppierungen. Als erstes diejenigen, die die Relativität ihrer Weltsicht nicht wahrhaben wollen und diese bis zum bitteren Ende weiterreproduzieren. Dazu gehören der zwangsjuvenile Thomas Gottschalk, die Personifikation seiner eigenen Show Max Schautzer, Frank Elstner, Wolfgang Lippe und natürlich Carolin Reiber und Karl Moik. Daneben gibt es diejenigen, die nichts sein wollen, sondern nur verkaufen. Das sind die unsäglichen Ulrich Meyer , Linda de mol, Jörg Wontorra. Auf einem reflektierteren Niveau finden sich dann diejenigen, die die Hohlheit erkannt haben, sich aber nicht darüber aufregen, sondern sich selbst daran delektieren: Haraldt Schmidt, Hape Kerkeling, Helge Schneider, Wigald Boning. Den großen Erfolg der letzteren darf man aber wahrscheinlich nicht als Indiz für ein hohes Maß an Bewußtheit in der Gesellschaft interpretieren, sondern wohl eher als Ignoranz für das ganze Ausmaß der subtilen Botschaft. Das musikalische Pendant zu Harald Schmidt wären wohl die B52´s und die Talking Heads, die Entsprechung des Publikums wäre allerdings eher die des Trio-Fanclub. Das Nebeneinander dieser verschiedenen Bewußtheitszustände wurde deutlich bei der Verleihung des Telestar 1994. Konzipiert in der Art einer Oscar-Verleihung, moderiert aber von Hape Kerkeling. Die unterschiedliche Art wie die Geehrten sich präsentierten, war schon bezeichnend: witzig neben pathetisch, cool neben peinlich. Das Ganze fand aber seinen Höhepunkt, als Hape Kerkeling , in der für ihn typischen Weise, dem nur schwerlich seine Contenance bewahrenden, damaligen Intendanten Friedrich Nowotny, während der Show sinngemäß öffentlich zuraunte: "Und nochmals vielen Dank für den großzügigen Scheck, den sie mir zukommen ließen." Dieser kleine Moment beschreibt genau den Zustand in der Unterhaltungsindustrie, dagegen wirkt die Ironie der fingierten "Privat Life Show" in der ARD am 8. April 1995 geradezu harmlos. Diese Entwicklung hat natürlich einen großen feuilletonistischen Reiz.


IV. 4. Das Gefühl in der modernen Freizeitindustrie

Das geht allerdings nur, solange bis es keine wirtschaftliche oder seelische Not betrifft, das heißt wenn tatsächlich Ernst verlangt wird. Wie reden über Krieg, Hungersnot? Die Privaten beuten das natürlich auch aus und nennen es Infotainment. Aber selbst Ulrich Wickerts Schlußpointe vor dem "Das Wetter", z. B. nach einer Nachricht über den Krieg in Bosnien, mit einem ironischem Lächeln, ist schon problematisch. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch eine andere aktuelle Facette der Freizeitindustrie: die Werbung: Die  Verbindung von Verkaufsartikeln mit Emotionen, die bislang eigentlich als verkaufshemmend, weil negative oder immaterielle Assoziationen weckend. Angefangen hat Benetton mit Bildern von Aidskranken und Krieg, andere zogen nach: z. B. Esprit. Besonders legendär war auch die Werbekampagne von Otto Kern, der Darstellungen von biblischen Szenen für Werbezwecke verwendete.
Das sind Symptome dafür, daß selbst die letzten Reste von wirklich erlebten Gefühlen, sei es Mitleid, Verzweiflung, Religiosität, dazu verwendet werden eine vermeintliche Authentizität in einer sonst so künstlichen Scheinwelt zu produzieren. Eine andere Variante dieses Verlangens nach Echtheit ist zum Beispiel das Reality-TV oder ganz aktuell der Medienrummel um den Prozeß um O. J. Simpson.
Aber das ist nur eine Möglichkeit. Die Versuche, mehr Authentizität ins eigene Leben zu bringen, sind äußerst vielfältig. Seien es nun extreme Natursportarten wie Rafting, Snowbording, Mountainbiking oder organisiertes Erlebnis wie z. B. im Erlebnis-Center Stuttgart International oder einfach das Tragen von "Authentic-Wear" von Diesel oder Replay. Auch die um sich greifende Sammlerleidenschaft, z. B. von Überraschungseifiguren oder von "Orginal-501-Jeans", bei denen z. B. für ein Jacke mit Orginallabel aus den Fünzigern tausende von Mark gezahlt werden. Es scheinen all dies Versuche zu sein, sich selbst wieder als Subjekt, als "unverwechselbares Individuum" zu begreifen. Mit dem Wissen um die Grundbefindlichkeit der Gesellschaft soll jetzt das Produkt einer solchen Gesellschaft, die Generation X und im Anschluß Grunge daraufhin untersucht werden, wie diese auf solch eine Gesellschaft reagiert haben.

V. Wesenheit des Grunge

V. 1. Die Generation X

V. 1. 1. Probleme der Definition

Immer wieder wurde Grunge als die Musik der Generation X, die Protagonisten wie Chris Cornell, Eddie Vedder und vor allem der "Kronprinz der Generation X" Kurt Cobain, als die Sprecher eben jener Generation bezeichnet. Dies geschah gegen den erklärten Widerstand der meisten. Eddie Vedder meint dazu: "Eine Generation, die Kurt Cobain oder mich zum Sprachrohr hochstilisiert, muß ziemlich abgefuckt sein" oder Kurt Cobain: "I don´t want to be no f--king spokesperson". Trotzdem wird man das Grunge-Phänomen nur im Kontext der sogenannten Generation X verstehen können. Äußerlich waren starke Affinitäten allein dadurch auszumachen, daß die Vertreter der Generation X aus verschiedenen künstlerischen Richtungen den Kontakt zu Grunge-Musikern suchten. So wird man Grunge nicht isoliert von der Generation X-Thematik untersuchen können, sondern vielmehr als eine Ausdrucksform der Generation X ansehen müssen. Deswegen soll die Generation X näher beschrieben werden, um im Anschluß Wesenheiten des Grunge besser einordnen und analysieren zu können. In den Medien heißt eigentlich (immer noch) alles, was ungefähr zwischen 20 und 30 Jahren alt ist und keinen Designer-Anzug oder Modellkleid trägt, je nach Bekanntheitsgrad, Vertreter, Held, Idol, Kronprinz o. ä. der Generation X. Angefangen von Model Kate Moss, über die Jungschauspielerriege von Hollywood wie Brad Pitt, Ethan Hawk, Johnny Depp, Wynona Ryder, Juliette Lewis bis zu den "Grungerockern" und deren Erben. Das vermeintliche Generation X-Lebensgefühl ist mittlerweile in sehr vielen Bereichen thematisiert oder artikuliert worden: Kunst, Literatur, sehr stark vertreten im Film (Singles, Reality Bites) und natürlich in der Musik. Das Problem ist nur: Eigentlich weiß keiner, was die Generation X eigentlich ist. Generation X ist bestimmt mehr ein Schlagwort von Soziologen und weniger eine Selbstdefintion. Der Begriff "Generation X" ist sehr bezeichnend: Das "X" impliziert zwar, daß man es mit unbestimmbaren Größen zu tun hat, gleichzeitig unterstellt man aber, daß es eine Generation geben muß, die irgend etwas Unbestimmbares gemeinsam hat und deshalb unter einen Begriff gefaßt werden kann. Viel weiter scheint das öffentliche Interesse auch nicht zu gehen; man hat dem Kind einen Namen gegeben und kann alles, was man nicht so recht versteht, einfach unter dieses Schlagwort subsumieren. Das Resultat ist "das klassische Bild [einer] innerlich zerrissenen, nachdenklichen, zynisch-verwirrten Jugend". Kerstin Grether definiert Generation X deswegen gleich folgendermaßen: "Generation X - das ist, wenn der Mainstream von dem bürgerlichmachtblinden Autor Douglas Coupland vorübergehend seiner eigenen statistischen Figuren und Metaphern enteignet wird, um sie sich dann mit JugendMacht ausgestattet, zurückzuholen". Richtig ist sicher, daß der Mainstream mit der "Verschlagwortung" der Generation X, deren Unbestimmbarkeit reduziert und sie wieder leichter den eigenen Regeln und Mechanismen unterordnen konnte.
Daß die Generation X als Faktum aber gänzlich eine Erfindung des "Mainstreams" sein soll, scheint etwas zu vereinfachend zu sein.
Es stimmt natürlich, daß der Begriff Generation X überstrapaziert wird, aber man wird den Eindruck nicht los, daß die Spexredaktion (nicht nur Kerstin Grether) mit dem immer wieder erneuerten Mainstream-Vorwurf die Generation X-Problematik selbst nicht gut verdauen kann. Das könnte damit zusammenhängen, daß die Generation X den intellektualistischen journalistischen Stil von Spex schlußendlich auch als relative Ideologie ohne Evidenz entlarvt (vgl. V. 2. 1.).

V. 1. 2. Wirtschaftliche Not

Ein Erklärungsansatz, der oft vereinfachend angeführt wird, ist ein wirtschaftlich-sozialer. Generation X, das ist jene "verlorene Generation der neunziger Jahre" (Seattle Times), die der Kanadier Douglas Coupland in seinem Schlüsselroman "Generation X" beschrieben hat: Die Eltern sind geschieden, in der Schule wird gekifft, der Fernseher läuft immer, und nach dem College gibt es keine Zukunft.[...] Der amerikanische Traum ist der Gewißheit gewichen, zum gesellschaftlichen Proletariat zu gehören". Es ist auf keinen Fall zu bestreiten, daß Mitte der achtziger Jahre, die Zeit weltweiter Rezession, nicht nur für gesellschaftliche Randgruppen wirtschaftliche Not tatsächlich existierte. Deswegen waren die oft zitierten MacJobs nicht nur ein neoromantisierendes Klischee als postmoderne Variante der toskanischen Bewußtseinstöpferei, sondern oft einzige Überlebensmöglichkeit. Auch Douglas Coupland führt die ganze Palette wirtschaftlicher Mißstände auf: In einem Anhang, in dem Fakten zu wirtschaftlichen und sozialen Problemen - vollkommen unkommentiert - aufgezählt werden. Z. B. "Prozentsatz des Einkommens, der als bare Anzahlung für eine erste Wohnung geleistet werden muß: 1967: 22, 1987: 32" etc. Im Roman selbst werden die wirtschaftlichen Probleme zwar als gegeben dargestellt, weiterhin aber nicht thematisiert. Es wird keine Verbesserung der Situation gefordert, und Selbstinitiative ist nicht erkennbar. Die Art der Behandlung läßt folgenden Schluß zu: Die wirtschaftlichen Probleme werden zur Kenntnis und auch ernst genommen, aber sie sind nicht das bestimmende Element. Im Roman von Coupland ist es dann auch eine bewußte Entscheidung für das Aussteigerdasein.
Der Charakter der Generation X ist, darüber sind sich die meisten dann doch einig, nicht nur antikonsumistisch, sondern im ganzen immateriell. Das gilt für die eigentlichen Begriffsbedeutung in bezug auf Dinge, aber auch im übertragenen Sinn für das Begreifen der Welt insgesamt.

V. 1. 3. Soziale Lage

Wichtiger als die finanzielle Lage ist vermutlich die damit oft, aber nicht zwangsläufig zusammenhängende, soziale Situation, und hier insbesondere die stereotyp wiederholte Scheidungsproblematik, (familiäre) Gewalt, Langeweile, Drogen, Alkohol und ein allgemeines Gefühl der Bedrohung durch die moderne "Risikogesellschaft." Kurt Cobain drückt es so aus: "[...] Meine Geschichte ist die gleiche, wie die von neunzig Prozent meiner Altersgenossen. Die Eltern geschieden, die Kids rauchten während der ganzen High school-Zeit Pot, sie wuchsen während der Zeit massiver kommunistischer Bedrohung und der Angst vor dem Nukleartod auf, immer mehr Gewalt machte sich in unserer Gesellschaft breit, und alle reagierten auf die gleiche Weise. Die Persönlichkeitsent wicklung verlief praktisch identisch. Es gibt vielleicht fünf verschiedene Persönlichkeitstypen in meiner Generation, aber sie sind alle eng miteinander verflochten". Daß verschiedene Subkulturen immer wieder soziale Mißstände aufzeigen und verändern wollen, gehört wohl zu deren Wesen selbst. Die Generation X beklagt die Zustände, sie klagt aber niemanden an. Genausowenig entwickelt sie Lösungsstrategien. Es ist eine Mischung aus Lethargie, Wehleidigkeit, Zynismus und Fatalismus.

V. 1. 4. Neuer Ernst

Ein weiteres Erklärungsmuster ist das eines neuen moralischen Anspruches: Der Spiegel kann sich anscheinend auch nicht ganz entscheiden, ob er lieber die materiell-soziale oder die ethische Erklärung bevorzugt. Neben der oben schon angeführten Definition, stellt er optional eine zweite zur Verfügung, wenn er River Phoenix als Vertreter der "Generation X - jener Altersgruppe von jungen Amerikanern, die mit Moral, Ernst und Gesundheitsbewußtsein die Welt verbessern wollen" kategorisiert. Es fehlen bei dieser Definition Vegetarismus, Umweltschutz, Ehrlichkeit, Freiheit, Freundschaft, allgemein die Tugenden der "political correctness", die sonst auch sehr beliebt sind. Die meisten der Kommentare zur Generation X sind eine Mischung aus diesen drei Elementen: wirtschaftliche Not, soziale Mißstände und neuer Ernst oder neue Moral, insgesamt eine Darstellung als Post-Baby-Boomer-Generation, die die Probleme bewältigen muß, die vor allem die Yuppies in der Reagan- und Bushära verschuldet hatten. Eine Perspektivenlosigkeit angesichts des wirtschaftlichen Elends und des Fehlens eines geistigen Gegenentwurfs. Es stimmt zwar, daß die Generation X neue moralisch-ethische Ansprüche hat, aber, und das ist das wichtigste Merkmal einer "immer schneller werdenden Kultur", diesen Anspruch nicht als Lebensentwurf artikuliert. Daraus resultiert dieser oft beschworene "innerlich-zerissene Charakter" dieser Generation. Man hat ein Gefühl für das "Schöne, Wahre und Gute" und weiß nicht wohin damit. Zur Unschuld der Siebziger kann man nicht zurück, denn man weiß zuviel, "um die Mentalität der guten, alten Hippies ungebrochen übernehmen zu können". Es geht um die Suche nach einem neuen Sinn angesichts der hohlen Wohlstandsgesellschaft und der Menschen, "die als aufgeblasene Konsumenten, von Ruhmsucht besessen, im popkultgesättigten Strom der Mehrheit schwimmen". Das Atlantic-Magazin beschreibt es so: "Diese Generation, genauer gesagt der Ruf dieser Generation, ist zu einer Metapher für den Sinnverlust in Amerika, die Enttäuschung durch die Institutionen, die Verzweiflung ob der Kultur und die Angst vor der Zukunft geworden".

 

V. 2. Die existentielle Verunsicherung in der Postmoderne

Um diese Lebenseinstellung näher zu erläutern, soll im folgenden der Roman Generation X eingehender analysiert werden, denn dieser spiegelt das Gefühl gut wieder. Nun ist die Hermeneutik nicht gerade die angestammte Methode zum Erkenntnisgewinn in der empirisch-positivistischen Soziologie. Das Unterfangen scheint aber wenigstens einigermaßem dadurch legitimiert, daß Coupland selbst ein Sachbuch schreiben wollte, dann aber feststellen mußte, "daß dem eigenartigen Phänomen nur poetisch beizukommen war". Es muß hier leider unbelegt gegen Kerstin Grether unterstellt werden, daß Douglas Coupland tatsächlich das Phänomen richtig erkannt und dargestellt hat. Der Kultbuchstatus kann nur ein Hinweis, aber kein Beweis dafür sein. Es handelt sich bei Generation X zwar der Form nach um einen Roman, in Wirklichkeit aber um eine scharfe Sozialstudie, bei der der Inhalt der Form bedarf, um die Aussagen zu verdeutlichen. Form und Inhalt entsprechen einander. Drei Vertreter der Nach-Baby-Boomer-Generation ziehen sich nach Palms Springs zurück, um ihr Leben mit MacJobs zu bestreiten. Ihre Einstellung ist antikonsumistisch, resigniert und gelangweilt. Sie haben genug von der Konsumgesellschaft, aber in Ermangelung einer geistigen Alternative, verharren sie in der Haltung der Nichtexistenz: kein Engagement, keine Werte, keine Geschichte, keine Kultur; vielleicht eine Art negativer Existentialismus. Im Roman werden vermeintlich absolute Lebensentwürfe unkommentiert in Form eines Glossars dem Text zur Seite gestellt und einzig durch deren Benennung bzw. der ironischen Darstellung als relative Rollenbündel entlarvt. Wenn das so stimmt, ist dies ganz entscheidend für das Reflexionsvermögen und damit den Grundcharakter der Generation X. Damit wäre nämlich bewiesen, daß die Lebensweise nicht eine Neuauflage der Hippiementalität ist, sondern vom Wesen her eine neue Interpretation der Gesellschaft darstellt. Deswegen seien an dieser Stelle vier dieser "-isms", wie sie Coupland aufführt, ausführlicher zitiert: Conspicious Minimalism: Eine Lebensstil-Taktik, ähnlich der Status Substitution. Das Nichtbesitzen von materiellen Gütern, stolz vorgezeigt als Zeichen von moralischer und intellektueller Überlegenheit. Armanism: Benannt nach Giorgio Armani: die Besessenheit, den nahtlosen und (weitaus wichtiger) kontrollierten Ethos italienischer Schneiderkunst nachzuahmen. Wie der Japanese Minimalism spiegelt auch der Armanism ein tiefes inneres Bedürfnis nach Kontrolle wieder. Lessness: Eine Philosophie, in der man durch den Abbau seiner Erwartungen in bezug auf materiellen Wohlstand wieder mit sich in Einklang gerät: "Ich habe es aufgegeben, einen Volltreffer landen zu wollen. Ich möchte bloß glücklich sein und vielleicht ein kleines Straßencafé in Idaho aufmachen". Rebellion Postponement: Die Tendenz, in der Jugend traditionell jugendliche Aktivitäten und künstlerische Erfahrungen zu meiden, um ernsthafte Karrieeerfahrungen zu sammeln. Führt manchmal im Alter um die Dreißig zu Trauer um die verlorene Jugend, begleitet von albernen Haarschnitten und teurer, auf Witzigkeit ausgerichteter Kleidung. Es kommt ganz klar zum Ausdruck, wie verschiedene Lebensweisen zu reinen Posen bzw. Ideologien degeneriert sind und als solche erkannt werden. Dabei ist es sehr wichtig, daß das eine grundsätzliche Kritik ist und nicht auf bestimmte Milieus, z. B. Yuppies, beschränkt bleibt. Das vollkommene Auflösen sinnstiftender Lebensentwürfe muß aber zwangsläufig zu krisenhaften Zuständen führen. Einem Rollenklischee würde die Generation X zwar nicht erliegen, eine Alternative hat sie aber auch nicht. Die Grundstimmung des Buches ist deshalb auch zynisch-melancholisch. Die Voraussetzung für eine solches Lebensgefühl beschreibt Botho Strauß: "Dieses Ich [...] existiert heute nur noch als ein offenes Abgeteiltes im Strom unzähliger Ordnungen, Funktionen, Erkenntnisse, Reflexe und Einflüsse, existiert auf soviel verschiedenen Ebenen der wissenschaftlichen und theoretischen Benennungen, in so vielen in sich plausiblen "Diskursen", daß daneben jede Logik und Psycho-Logik des einen und Einzelnen absurd erscheint. Das totale Diesseits enthüllt uns sein pluralistisches Chaos". Aber wie sollen in diesem Bewußtsein moralische, zudem eher konservative Werte, wie sie die Generation X zumindest gefühlt hat, gelebt werden, ohne nur einen neuen "-ism" zu etablieren. Die Art bei Coupland damit umzugehen ist die der Fantasie. Anstatt selbst zu handeln - im Roman geschieht bis auf das Ende an äußerer Handlung fast gar nichts - erzählt man sich Geschichten, insgesamt also auch eskapistische Tendenzen, ohne das Wagnis eines eigenen Lebensentwurfes. Aber - und das ist die große Überraschung des Buches - das Ende ergeht sich gerade in einem der ältesten Klischees überhaupt. Der Erzähler wird bei einem Autostopp von einer Gruppe geistig zurückgebliebener Kinder umringt, die ihn liebevoll bedrängen. Der Roman endet mit dem Satz: "Ich kann mich nicht erinnern, ob ich danke gesagt habe". Die wahren Werte sind erkannt; ein Sinn gefunden. Das ist der Sprachduktus der schrecklichsten Betroffenheitsprosa und könnte im besten Fall noch Luise Rinser begeistern, stünde dieser poetische Text nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Zynismus des übrigen Romans. Es ist schwerlich vorstellbar, daß Coupland selbst sein eigenes Klischee nicht erkannt hat. Vielleicht ist die Aussageabsicht die, daß es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, sondern nur noch relative, die nur absolut rollenhaften Charakter haben (vgl. Kapitel VI. 3.). Über weite Strecken ist die Grundstimmung getragen von einer Sehnsucht nach etwas, was bei aller Relativität der Ideologien Gültigkeit hat, man mag es mit Eugen Drewermann "menschliche Evidenzen" nennen. An einer Stelle überlegen sich die Protagonisten, was deren "Erinnerungen an die Erde", als Chiffre für die Quintessenz des Lebens, sein würden. Sie erzählen sich kleine Begebenheiten aus ihrem Leben: kurze Momente des Glücks meistens im Kreis der Familie. Z. B. ein Frühstück ohne Streit oder ein spontaner Tanz der Eltern auf der Veranda. Wieder wären diese Erzählungen in einem anderen Kontext kitschig, so aber erscheinen sie wie ein Minimalkonsens in einer Welt, in der es keine Wahrheiten mehr zu geben scheint. Um es noch einmal zusammenfassend zu sagen: Die Generation X durchschaut "das postmoderne Spiel mit Meinungen und Bedeutungen, die Ironie und die "sophistication der Achtziger", die Falschheit der modernen Welt, kann aber nicht mehr nur sophisticated darüber lächeln, sondern versucht Menschlichkeit neu zu formulieren, findet aber kein Ausdrucksmittel.


V. 3. Grunge als musikalische Ausdrucksform der Generation X

Es ist nun die Frage, inwieweit Grunge eine musikalische Manifestation des Generation X-Lebensgefühls darstellt, bzw. es die Merkmale der Generation X untermauern kann. Im folgenden wird fast ausschließlich Nirvana und Kurt Cobain zitiert. Das hat seinen äußeren Grund darin, daß mit der autorisierten Biographie "Nirvana - Come as you are" von Michael Azerrad die einzige Monographie zum Thema vorliegt, insbesondere mit qualifizierten Analysen von Liedtexten. Andererseits wurden nach dem Selbstmord von Kurt Cobain unzählige Nachrufe verfaßt, in denen Texte analysiert, die Biographie durchleuchtet, allgemein das Seelenleben untersucht wurde, aber auch Grunge insgesamt einer Analyse unterzogen wurde. Es soll hier nicht Kurt Cobain mit Nirvana und Nirvana nicht mit Grunge gleichgesetzt werden, aber fast jede Musik hat ihre Idole, an deren Leben, bzw. vielleicht sogar mehr am Bild oder Mythos, daß man sich von jenen macht, auch wenn dieses der Realität nicht entspricht, man exemplarisch auch das Wesen der Musikrichtung erkennen kann: Elvis Presley, John Lennon, Sid Vicious, Jim Morrison, Janis Joplin, Ian Curtis. So mag man für das Folgende Kurt Cobain als eine Chiffre für das Wesen des Grunge insgesamt ansehen.

V. 3. 1.Soziales Milieu und Darstellung der sozialen Lage

Zur sozialen Provenienz meint dieser eindeutig: "Wir sind das perfekte Beispiel für die ungebildeten Zwanzig- bis Dreißigjährigen im Amerika der Neunziger, ganz bestimmt". Wobei das "ungebildet" sehr relativ ist. Manche sehen im Grunge eher die Vertreter der "Echten Arbeiterklasse", andere eher Studenten, vor allem der künstlerischen Richtung. Tatsächlich waren beide Lager vertreten. In Nirvana vereinigen sich die Gegensätze geradezu idealtypisch. Kurt Cobain und Dave Grohl haben niemals eine Ausbildung gemacht, Chris Novoselic hatte Kunst studiert. Aber vielleicht taugen auch die Klassifizierungen nach verschiedenen Milieus in bezug auf Grunge nicht mehr. Materiell, so viel kann man aber sagen, kamen die allermeisten Vertreter aus ärmlichen Verhältnissen, aber genau wie bei Generation X von Coupland, ohne daß dies hinsichtlich des Materiellen als Not angesehen und problematisiert wurde. Es gibt kaum ein Lied, in dem die ärmlichen Lebensumstände angeprangert werden. Was aber am deutlichsten wird, das sind auch hier familiäre Probleme. Es ist vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner, den die Gruppen der Grunge-Szene aufweisen können: Die Herkunft aus instabilen sozialen und familiären Verhältnissen. Chris Novoselic von Nirvana erklärte die Trennung von einem ihrer Schlagzeuger einmal so: "Er war ein Durschnittstyp. [...] Wir haben ihn verunsichert.[...] Noch dazu stammte er aus einer intakten Familie". Und Kurt Cobain analysiert noch umfassender: "Ich glaube, jeder in meinem Alter hat eine psychische Schädigung erlitten. [...] Viele reagieren wie ich in bestimmten gesellschaftlichen Situationen neurotisch. Es fällt mir auf, daß alle, die in ihren frühen Zwanzigern sind, von ihren Eltern gleichermaßen geschädigt worden sind". "Was unsere Schädigung durch unsere Eltern oder die Gesellschaft betrifft, sind wird nichts Besonderes [...] Die Mehrzahl aller Mitglieder in den heutigen Bands stammt aus Scheidungsfamilien. Alle in meinem Alter haben sich zur sel- ben Zeit die selben Fragen gestellt - warum lassen sich meine Eltern verdammt noch einmal scheiden?" Das Erstaunliche daran sind nicht die Fakten an sich, sondern die Art und die Deutlichkeit, in der diese geäußert wurden. Für einen Rockmusiker ist es eigentlich nicht besonders "cool", die Scheidung der eigenen Eltern oder überhaupt familiäre Verhältnisse zu dramatisieren. Die in diesem Zusammenhang am häufigsten zitierte Stelle ist aus "Serve The Servants" und thematisiert das Verhältnis zwischen Kurt Cobain und dessen Vater: "I tried hard to have a father / but instead I had a dad / I just want you to know that I don´t hate you anymore / There is nothing I could say that I haven´t thought before." Im Prinzip ist das ein deutlich konservativer Wunsch nach einer autoritären Führerfigur. Auch Scott Weiland von den Stone Temple Pilots bedient sich des gleichen Gefühloutings: "[..] Jedes Kind, möchte Teil einer Gruppe sein, doch ich fühlte mich ausgestoßen". Aber auch hier wiederum ist es nicht das Eigentliche: Eine Textzeile in "Serve The Servants" lautet: "Serve the servants - oh no / that legendary divorce is such a bore" ("Die ewige Scheidungsgeschichte ist so langweilig."), womit ausgesagt sein soll, daß die ständige analytische Interpretation von Texten und die damit einhergehende Einordnung der Aussageabsicht der Gruppen nicht entsprochen hat. Auf die Rolle der emotionalen Weichlinge wollte man sich verständlicher Weise auch nicht festlegen lassen.

V. 3. 2. Neue Moralität

An verschiedenen Stellen verdichten sich aber die Anzeichen dafür, daß Werte und Ideale, die bisher als völlig inakzeptabel für die Rockmusik galten, weil traditionell vom Establishment vertreten, bei den Grunge-Rockern durchaus Gefallen fanden. Verantwortung und Familie statt Anarchie und Freiheit. Danny Goldberg von Gold Mountain beschrieb z. B. Nirvana so: "Nirvana verkörperten die Sehnsucht nach einer moralischen Welt, die wirkli- cher und ernsthafter war als alles, das zu dieser Zeit im konventionellen Rock seinen Platz hatte.[...] Das hängt meiner Meinung nach mit einer Sehnsucht in der Kultur des Post-Reagan-Werte-Systems zusammen. Es gibt einen Zu- sammenhang zwischen Nirvanas Verlangen nach Authentizität und Ehrlichkeit und einer ethischen Haltung - es ist ein Bekenntnis zu einer sehr erstrebenswer- ten moralischen Einstellung. Sie verkörperten ein Werte-System, das mehr auf Gleichheit und Ethik beruht als auf Macho und Macht-Verhalten". Noch deutlicher sagt es Eddie Vedder, der sich allgemein (unbewußt) gerne als moralisch integerer Musiker darstellt. "Für viele bedeutet Rock´n´Roll nichts anderes, als sich vor, während und nach der Show zu besaufen und die ganze Nacht nichts anderes zu tun als endlos rumzubumsen und sich Heroin zu spritzen. Für mich bedeutet Rock´n´Roll oder Punk, sich unter Kontrolle zu haben, stark zu sein und Dinge mit deinem Körper zu tun, die du nicht schaffen würdest, wenn du körperlich schwach oder geistig nicht ganz zurechnungsfähig wärst". Das ist in der Tat sehr bemerkenswert. Sid Vicious würde sich im Grabe umdrehen, würde er hören, daß Punk etwas mit Kontrolle zu tun haben soll. Tatsächlich entsprach auch das Leben vieler Grungerocker nicht dem Klischee eines Rockstars. Drogen und Alkohol war zwar ein wichtiger Bestandteil des Daseins, wurden aber nicht verherrlicht, und insbesondere in bezug auf Sexualität waren "bürgerliche" Verhaltensweisen durchaus an der Tagesordnung. Vielleicht wollte man unbewußt auch gegen das Klischee des Sex´n´Drugs´n´Rock´n´Roll Stellung beziehen. So sagt auch Thurston Moore über Kurt Cobain: "Ich weiß, daß ihn das Superstar-Darsein total abtörnte; weil es wirklich gegen alles ging, was ihm am Herzen lag. Er wollte nur Achtung. [...] Sein ganzer Charakter rebellierte gegen zubetonierte Strukturen. Was ihn auf eine sublime Art reaktionär machte [...]" Kurt Cobain war verheiratet und hatte eine von ihm sehr geliebte Tochter. ("I can´t tell you how much my attitude has changed since we´ve got Frances. Holding my baby is the best drug in the world".) Die Ehe mit Courtney Love war natürlich nicht unbedingt Inbegriff harmonischen Zusammenlebens, ist in den Medien aber oft falsch dargestellt worden. Eddie Vedder hat ebenfalls vor kurzem seine Jugendliebe, mit der er seit zehn Jahren befreundet war, geheiratet. An ausschweifendem Sexualleben zeigte man allgemein oft schlicht kein Interesse: "In der ganzen Zeit, in der ich versuchte, ein Junggeselle zu bleiben, bumste ich nie und hatte überhaupt keinen Spaß". Daraus resultiert auch die fast einzige deutlich artikulierte Botschaft des Anti-Sexismus und Anti-Machismo: "Never met a wise man, if so it´s a woman". Kurt Cobain: "Der beste Beweis dafür ist, daß es kaum je eine Frau gegeben hat, die einen Krieg begann. Sie sind einfach weniger gewalttätig". Auch in Generation X findet zwischen den Hauptpersonen kein Sexualleben statt, was für ein Kultbuch der Jugend, in der Sex normalerweise eine große Rolle spielt, sehr bemerkenswert ist. Sehr oft ist auch die Rede, daß in Grungekreisen Freundschaft sehr viel bedeutet hat. "Es gibt tatsächlich eine starke Betonung von Community und `Familie´", sagt Jonathan Poneman. Und Beispiele für ein für das Rockbusiness atypisches soziales Verhalten gibt es einige: Pearl Jam engagierten sich für ein freies Open Air für die Jugend von Seattle. Nirvana promotete bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Lieblingsband Melvins. Chris Novoselic organisierte ein Konzert zugunsten der Vergewaltigungsopfer in Bosnien. Aber auch gegen die Schublade der politisch korrekten Rockmusiker wehrte man sich. Nirvana hatten ein Lied in ihrem Repertoire, in dem sie sich über die selbstgerechten Vegetarier, die wohl zu diesem Zeitpunkt in Mode waren, lustig machten, obwohl ihr Bassist Chris Novoselic selbst Vegetarier war. Diese Ansätze eines Strebens nach einer neuen Ethik ist ebenfalls nicht besonders originell, aber vielleicht ein Versuch, wenigstens das Wenige, was man noch wirklich als einen Wert erlebt oder gefühlt hat, als richtig darzustellen.

V. 3. 3. Grunge als Antwort und Resultat der Postmoderne

Die Texte der Grungebands sind allgemein sehr schwer zu dechiffrieren, was wohl auch darauf schließen läßt, daß man die eigene Position, das wirkliche Wesen, nicht preisgeben wollte. Die Lieder erzählen keine Geschichten, klagen nicht an, sondern sind großteils im Stil des Stream of Consciousness gehalten. Banales, Alltägliches steht neben Aussagen von durchaus philosophischem Wert. Der Text von "Smells like Teen Spirit" z. B. lautet wie folgt: "With the lights out, it´s less dangerous, here we are now, entertain us, I feel stupid and contagious / I´m worse at what I do best, and for this gift, I feel blessed / Our little group has always been and always will, until the end / I found it hard, it was hard to find, oh well, whatever, nevermind... " "A denial, A denial [...] A mulatto, an albino/ A mosquito, my libido [..] It´s fun to lose and to pretend". Eine Textzeile von Nirvana von "On A Plain" lautet: "It is now time to make it unclear / To write off lines that don´t make any sense", und Azerrad meint: " Die Texte stellen oft eine Idee in den Vordergrund und schießen sie dann mit einem Anflug von Zynismus wieder ab". Das beschreibt den Kern: Man hat einen Gedanken, kann ihm aber nicht autonom stehen lassen, sondern muß eine schützenden Distanz des Zynismus dazwischenschalten. Es zeigt sich eine Art schizoider Haltung des Kollektivs gegenüber der eigenen Kultur und der Gesellschaft. In der Individualpsychologie ist es ein Merkmal des schizoiden Charakters, daß er die Welt um sich herum als primär feindlich empfindet. Er fühlt sich ausgestoßen und selbst nicht dazugehörig, seine Umwelt erlebt er "grau, fremd, kalt, ja abweisend und feindselig". So erscheinen auch In Utero von Nirvana Föten in unwirtlicher Umgebung und Kurt Cobain malte privat Bilder auf denen "massenhaft unheimliche und verzerrte Figuren und Föten in dornenreichen Landschaften" zu sehen waren, die ein Gefühl der Ausgestoßenheit deutlich widerspiegeln. Eine mögliche Reaktion darauf sind "intentionale Gehemmtheiten", Ängste die keinen besonderen Inhalt haben, sondern sich auf das Erleben der gesamten Wirklichkeit beziehen oder aber Aggression, was sehr gut die Mischung zwischen Emotionalität und Aggressivität in der Musik erklären würde. Die Ausgeschlossenheit in bezug auf die Gesellschaft beschreibt die Band Sloan Left of Centre in einem Lied: " I really can´t remember the last time I was the center of the target of popculture... I´m slightly left of centre / of the bullseye you´ve created/It´s sad to know that if you hit me / it´s because you were not careful". Wenn das so stimmt, ist auch das Verschleiern der eigenen Aussagen erklärbar: "Während der Schizoide ständig um sich selbst zu kreisen scheint, besitzt er in Wahrheit kein Selbst, das stark genug wäre, dem Druck der Außenwelt ungeschützt standzuhalten.(Man vergleiche das Bild der Implosion, der Verf.) Deswegen flüchtet er sich in eine Vielfalt von Rollen, hinter denen er seine wirkliche Persönlichkeit verstecken kann". Genau dieses Bedürfnis äußert dann auch Kurt Cobain: "Ich wünschte, ich hätte dasselbe gemacht wie Black Francis. Er änderte seinen Namen so oft, daß niemand weiß, wer er wirklich ist. Ich wünschte, keiner hätte jemals meinen wirklichen Namen erfahren". Kurt Cobain betont immer wieder, daß er die Texte meist kurz vor einem Take erfindet, und das meiste sowieso nur Füllsel sind. Aber indem er auch das in Liedtexten anspricht, "One more special message to go, then I´m done and I can go home", ist es fraglich, ob er damit nicht nur wiederum einen tieferen Ernst verschleiern will. Es entsteht das Paradox, daß man sich in Rollen flüchtet, damit man keine Rolle zugeschrieben bekommt und damit das ehrlich Gemeinte zu einer Pose mutiert. Daneben existieren aber auch Texte, die für kurze Momente die emotionalen Tiefen offenbaren: "Come as you are - And I swear I don´t have a gun". Dieses Zitat sagt im Kleinen vielleicht das ganze Wesen des Grunge aus. Man möchte endlich wieder einem Menschen und keinem Image begegnen. "Ich schwöre, ich trage keine Waffe", wird man verstehen müssen als das Angebot an ein Gegenüber, sich zu zeigen, wie er wirklich ist. Es ist schwer vorstellbar, daß das nicht ehrlich gemeint ist, es schreit förmlich nach menschlicher Begegnung. Seine Bestätigung findet dies im Abschiedsbrief von Kurt Cobain. Er sagt sehr viel über den Seelenzustand Cobains aus sei deswegen er hier ausführlicher zitiert: "Ich spreche hier als gereifter Dummkopf, der lieber ein verweichlichter, kindlicher Jammerlappen wäre, diese Nachricht ist leicht zu verstehen. All die jahrelangen Warnungen aus dem Punk-Umfeld seit meiner ersten Begegnung mitsagen wir mal - der Moral im Zusammenhang mit Unabhängigkeit und der Einbindung in die Gemeinschaft haben sich als wahr herausgestellt. [...] Tatsache ist, daß ich Euch nichts vormachen kann. Keinem von Euch. Es ist einfach unfair, Euch und mir selbst gegenüber. Das schlimmste Verbrechen für mich wäre es, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem ich ihnen vormache, ich hätte zu 100 Prozent Spaß [...] Wie im Roman Generation X kristallisiert sich bei beim Grunge diese innere Zerrissenheit heraus, die aus dem Hin- und Hergerissensein zwischen dem Bedürfnis, die gefühlten "menschlicher Evidenzen" irgendwie zu artikulieren, und der Unmöglichkeit oder Unfähigkeit, dies in den vorhandenen Strukturen zu verwirklichen: "What the hell am I trying to say?" Immer wieder geht es um die Frage der Identität, die Rolle des eigenen Ichs gegenüber der Gesellschaft bzw. der Welt. Chris Cornell: "Es ist verdammt schwierig, sich ein eigenes Leben, eine eigene Freiheit aufzubauen [...] Deswegen wollte ich nie berühmt sein. Es gibt keine normale Kommunikation mehr, weil dein Gegenüber immer schon eine 'Vorstellung hat, wie du bist..." Unweigerlich fühlt man sich erinnert an das beherrschende Motiv des Du-sollst-dir-kein-Bildnis machen bei Max Frisch. Was Kurt Cobain und Chris Cornell in den oben aufgeführten Zitaten zum Ausdruck bringen, ist genau das gleiche wie Frischs Stiller in dem berühmten ersten Satz im gleichnamigen Roman: "Ich bin nicht Stiller!" Die Weigerung, nur das zu sein, was die anderen in einem sehen wollen. Aber wie soll man so ein Gefühl in Musik, zumal in Rockmusik, unter den gegebenen Umständen umsetzen. Ein zusätzliches Problem war natürlich folgendes: Daß Authentizität als Form der Ausdrucksform des Ichs in der modernen Musikindustrie nicht mehr funktioniert, wird den meisten voll bewußt gewesen sein. Allein darauf zu bauen, wäre einem Rückfall in die Zeit vor dem New Wave gleichgekommen. Einem unschuldigen Punk-Ethos konnte man nicht mehr huldigen, und manchmal hat es den Anschein, als würde das sehr bedauert. Das spricht Diedrich Diederichsen an, wenn er sagt: "Die Sex Pistols waren nicht mit dieser postmodernen Ökonomie konfrontiert, und das gab ihnen noch die Möglichkeit, den Widerstand auf einer symboli- schen Ebene zu leisten. Diese Möglichkeit ist so nicht mehr gegeben". Das Lebensgefühl des New Wave und deren Erben war noch viel zu präsent, als daß man diesen Umstand einfach hätte ignorieren können. Aber schizoide Fremdheit, die eigentlich eine ähnliche Vorgehensweise wie die des New Wave nahegelegt hätte, war ja nur die eine Seite, auf der anderen Seite verlangte man auch nach sinnstiftenden Lebensinhalten. "Bei Madonna oder [...] auch Prince ging es noch um Entgrenzung, um das Spiel mit Identitäten, während es bei Cobain darum ging, daß man mit Identitä- ten eben nicht mehr spielen kann". Dazu kommt, daß Rock als Ganzes keine gesellschaftliche Relevanz im Sinne eines revolutionären Charakters hat: "Er redet nicht mehr in fremden Zungen, die zu neuen Sprachen werden und etwas sagen, das nicht sofort in den vorherrschen den Diskurs unserer Zeit zu rückübersetzt wird, den Diskurs der Wirtschaftsinteressen, des Egoismus der Kriminalität, des Rassismus, des Sexismus, der Homophobie, der Regie- rungspropaganda, der Schuldzuweisungen und der happy-ends". Im Spiegel Spezial Pop und Politik nennt Jürgen Möllemann (!!!) als Lieblingssong "What´s up" von 4 Non Blondes "weil das Lied die volle Power hat und deshalb zu mir paßt"(!!!). Soviel zum Protestcharakter von Rockmusik. Das Problem des Grunge war es, daß die Bands etwas vermitteln wollten, was sie fühlten, sich dabei aber bewußt waren, daß eine Gefühlsartikulation in der Öffentlichkeit, sofort zu einer Rolle erweitert würde, und somit keine Aussagekraft mehr hätte. Vielleicht war die unbewußte Entscheidung für den Hardrock auch nur unter diesem Aspekt zu verstehen. Die Übernahme eines schon bekannten Musikstils, damit die Gesellschaft gar nicht in Versuchung kommen könnte, Grunge als Rockismus mißzuverstehen. Trotz allem bleibt alles sehr vage, und man kann bestimmt nicht sagen, inwieweit sich die Grunge-Szene selbst dieser Problematik bewußt war. Grunge zeichnet sich ja auch durch dieses verzweifelte, irritierte, verstörte Moment aus. Eine unbestimmte Wut die sich nicht einmal eindeutig gegen irgend etwas richten konnte. Wie hätte sich die Grunge-Szene verhalten müssen um sich weder zu verkaufen, nicht zu Madonna zu werden und sich nicht umzubringen? Das ist eine auch für den Verfasser vollkommen unbeantwortete Frage.


VI. Gesellschaftliche Relevanz von Grunge

VI. 1. Rezeption durch die Gesellschaft

Die Rezeption des Grunge durch die Freizeitindustrie war ersteinmal dadurch gekennzeichnet, daß niemand wirklich verstanden hat, worum es beim Grunge eigentlich gegangen ist. Grunge ist nur in der Gesamtheit zu verstehen. Genau wie bei der Harmonik des Grungerock oder dem Wechsel von ruhigen und harten Passagen innerhalb eines Liedes, wo eine Momentaufaufnahme einen vollkommen falschen Eindruck hinterlassen könnte und genau wie bei "Generation X", wo die poetischen Teile allein gelesen den Sinn entstellen würden, kann man auch Grunge nur als Ganzes begreifen. Eine Darstellung als nur "düstere, schnelle und harte Rockmusik" ist natürlich ebenso falsch wie die Charakterisierung als nur emotional oder nur gerecht mit neuer Moral o. ä. Aber da, wie oben ausgeführt, die Werte und Ideale hinter den Symbolen sowieso mehr und mehr obsolet werden, war das richtige Erkennen des Grunge gar nicht im Interesse des Publikums - und des Kunden. So war Grunge primär eine Mode, im eigentlichen und im übertragenen Sinn.
Da es sich scheinbar um etwas Neues handelte, war es um so interessanter. Ein, zwei Mode- bzw. Musiksaisonen würden sich damit schon füllen lassen. Im Bereich der Mode ist der Grunge-Look dann tatsächlich auch schlagartig durch eine "Neue Eleganz" ersetzt worden. Grunge kam für diese Gesellschaft natürlich wie gerufen. Endlich wieder echte Emotion. Revoltierende Jugend, mit echtem Schweiß und Körpergeruch. "Ich glaube jede und jeder von uns sucht doch gerade in der Musik nach dem letzten bißchen Authentischem was diese Welt noch zu bieten hat. Sogenannte "echte" Gefühle. Ungefilterte Leidenschaft, "unbridles passion" (F. Z.). Daß Grunge in keinster Weise diesem Bild entsprach, wurde entweder überhaupt nicht festgestellt oder zumindest zur besseren Vermarktung und Verwertung ignoriert. In bezug auf Nirvana beschreibt es Diedrich Diederichsen folgendermaßen: "Jede rebellische Geste war ein gerne akzeptierter Verbesserungsvorschlag innerhalb der symbolischen Ökonomie von MTV, der obendrein die Ware Nirvana mit dem kommerziell extrem verwertbaren Signum der Authentizität ausstattete. Das ist der Preis, den die postmoderne Ökonomie für ihre härtesten Kritiker bereithält. Kurt Cobain hatte das natürlich erkannt [...] aber er hat sich zu diesem Mechanismus nach Maßgabe der Täter-Opfer-Logik verhalten und sie bis in sein Grab hinein weiterreproduziert [...] er war unfähig zum Zynismus". Harte Musik und wilde Bühnenshows mit zerschlagenen Instrumenten waren das Bild, das die Öffentlichkeit von Grunge hatte. Dazu Tätowierungen und Body-Piercing, alles sehr ursprünglich und echt. Die allgemeine Sehnsucht nach Authentizität schien man also mit Grunge gut befriedigen zu können. Aber es war im Endeffekt anscheinend doch nicht so einfach, der Ausverkauf beschränkte sich auf die ideologisch eher neutral behandelbare Musik und Mode, hier dafür um so stärker. Nur so kann man verstehen, wieso ausgerechnet eine Subkultur, die sich gerade nicht auf Klischees festschreiben lassen wollte, so schnell und so gründlich vermarktet wurde. An dessen Ende "Smells like Teen Spirit" bei Footballspielen und Flanellhemden für $ 300 standen.
Eigentlich wider besseres Wissen ließ sich Grunge von der Industrie vereinnahmen.

VI. 2. Bedeutung von Grunge für Gesellschaft und Musik

Die Bedeutung des Grunge liegt vor allem in der symbolischen. Musikalisch ist Grunge als eigene Stilrichtung schon längst nicht mehr relevant. Die einzige musikalische Leistung, der Rückgriff auf Hardrock hat sich als nicht von Dauer erwiesen und wurde von Speed-Metal-Elementen und reinem Punk abgelöst. Aber insgesamt, kann man sagen ist die Musik viel härter und ungehobelter geworden. Man bezieht sich durchaus noch auf Grunge, das Anfangsriff von "Smells Like Teen Spirit" wird z. B. sehr gern kopiert, am ungeschminktesten von Offspring, "Self esteem", im besten Fall noch zitiert, z. B. Mr. Ed Jumps The Gun: "Wild Thang
Underground-Musik ist endgültig für die breite Masse akzeptabel. Bei MTV spricht man von einer neuen Zeitrechnung : N.N. (nach Nirvana), und auch die Musikindustrie spricht von einem "Post-Nirvana Musik-Business", was vor allem bedeutet, das die klassische Einteilung in Mainstream und Independent nicht mehr möglich ist, weil eine Independent-Attitüde sich als sehr verkaufsfördernd auswirkt, und Independent selbst der "neue Mainstream" geworden ist. Das führt unter anderem auch dazu, daß die ganze Independent-Szene in eine große Identitätskrise gestürzt ist. Über welche Gruppen soll Spex jetzt noch berichten, wenn sogar Sonic Youth von einer breiten Masse gehört wird, es bleibt nur noch der Gangsta-Rap. Aber die große Frage ist, ob diese Entwicklung positiv, in dem Sinn zu bewerten ist, daß der Rockmusikhörer sich tatsächlich nicht mehr von der Pose des - ehemaligen - Mainstreams täuschen läßt oder daß Biohazard und Sepultura in den Charts den allerletzte Ausverkauf bedeuten. Das letzte Reservat des Rock, der Underground oder Independent, in dem Rock noch einen Identifikationscharakter also eine kulturelle Relevanz gehabt hat, wird jetzt auch noch den Marktmechanismen untergeordnet. Mit dem großen Erfolg des Grunge geht sicher auch eine verstärkte musikalische Mischung verschiedener Stile und damit auch verschiedener sozialer Milieus einher. Die klassische Trennung in Independent/Punk für das Gymnasium, Hardrock und Heavy Metal für Haupt- und Realschule funktioniert nicht mehr. So wurden z. B. typische "Metal-Insignien" gegen Grunge-Charakteristika wie Flannelhemd oder Ziegenbart eingetauscht. Was tatsächlich mit dem Untergang des Grunge deutlicher denn je wurde, ist die Einsicht, daß Musik innerhalb der Mechanismen der Musikindustrie, keine Kommunikationsform zu Vermittlung von Wahrheiten mehr sein kann.


VI. 3. Grunge als Symptom für einen umfassenden Paradigmenwechsel

Die folgenden abschließenden Überlegungen haben rein hypothetischen Charakter und erheben in keinster Weise wissenschaftlichen Anspruch. Die Merkmale, die die Generation X bzw. die Grunge-Szene aufweisen, könnte man auch noch mit einer viel grundsätzlicheren gesellschaftlichen Entwicklung in Verbindung bringen: Seit den Siebzigern mehren sich Veröffentlichungen, die sich mit einem Phänomen beschäftigen, das allgemein als Paradigmenwechsel bezeichnet wird. Anfangs sehr esoterisch besetzt, verdichten sich diese Trends zunehmend auch in der seriösen Wissenschaft. Man versteht darunter vereinfachend eine grundsätzlich Verschiebung von Denkmustern, weg von einem primär materialistischen und deterministischen Denken, das als wichtigstes Instrument das dialektische Prinzip von These-Antithese-Synthese kennt. Eine Krisenhaftigkeit in vielen Wissenschaften hat dazu geführt, daß man nach neuen Wirklichkeitsdeutungen gesucht hat. Besonders mit einem genaueren Wissen um ökologische Zusammenhänge sieht man in komplexen (Lebens-)Systemen einen zeitgemäßeren Ansatz. Das vorherrschende Prinzip ist hierbei das alte Bild von Yin und Yang, also Polaritäten und nicht (zu überwindende) Gegensätze. Ausgangspunkt für diese Überlegungen war, wie bei fast allen philosophischen Entwicklungen, eine Entdeckung auf dem Gebiet der Naturwissenschaften in diesem Fall der Physik: Heisenberg entdeckte ein Phänomen das unter dem Begriff Welle-Teilchen-Dualismus bekannt wurde. Je nachdem welche Versuchsanordnung man wählt, erhält man verschiedene Aussagen über die Wesenhaftigkeit des Lichts. Entweder als Teilchen in Form von Korpuskelstrahlung oder als Welle mit den typischen Interferenzerscheinungen. Das ist deshalb so revolutionär, weil seit dem die Annahme des Menschen, er könne die Welt und deren Wirklichkeit letztlich genau erkennen widerlegt wurde. Man konnte nur noch Aussagen unter bestimmten Voraussetzungen machen. Eine Trennung zwischen erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt war nicht mehr eindeutig möglich. "In der Atomphysik kann die scharfe kartesianische Unterscheidung zwischen Geist und Materie, zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, nicht länger aufrechterhalten bleiben. Wir können niemals von der Natur sprechen ohne gleichzeitig von uns selbst zu sprechen. Der Zusammenhang mit Grunge liegt jetzt nicht unbedingt auf der Hand. Aber könnte es nicht sein, daß die Generation X und Grunge Symptome für genau diese Entwicklung auf dem angewandten Gebiet der Gesellschaft bzw. der musikalischen Subkultur. Setzt man die Phänomenologie der Rockmusik als den Ausdruck des zu erkennenden Objekts der Weltdeutung, Punk in seiner Gesamtheit z. B. als die absolute Manifestion einer Weltanschauung und eines erlebten Gefühls, die, natürlich subjektive, aber eindeutige Erkenntnis der Welt. Bei Grunge ist eben das nicht mehr möglich. Vereinfachend gesagt: Die Darstellung des Gefühls war nur unter einem bestimmtem Gesichtspunkt wahr, unter anderen war die Verschleierung der gleichen ebenso richtig, unter anderen der Zynismus. Dialektisch konnte man die Problematik - vielleicht auch nur noch - nicht auflösen. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Positionen, angefangen von dem musikalischen und ideologischen Nebeneinander von Punk und Hardrock, bis zur Parallelität von Aggressivität und Emotionalität, könnte dafür ein Indiz sein. Das Entscheidende dabei ist, daß es sich nicht um einen Eklektizismus handelt, wie man vielleicht vermuten könnte. Dazu ist die emotionale Verhaftung viel zu intensiv und echt.
Und - wiederum nur ganz vorsichtig angedacht - gibt es nicht vielleicht auch eine Ähnlichkeit zwischen der Verwirrung der Physiker nach der Entdeckung der Quantenmechanik mit dem verstörten Eindruck den die Grunge-Szene insgesamt erweckt, der existentiellen Verunsicherung. Ein weiteres Indiz könnte die Tatsache darstellen, daß Douglas Coupland bei der Darstellung des sozialen Situation seiner Generation X, auch nicht den objektivierenden Weg eines Sachbuches gehen konnte, sondern die Belletristik heranzog, womit keine eindeutigen Wahrheiten genannt werden, sondern ein ganzheitlichere, mehr intuitive Behandlung versucht wird. In der Poetik ist darüberhinaus auch eine wesentlich engere Verbindung von Subjekt und Objekt gegeben. Vielleicht können diese abschließenden Überlegungen wenigstens eines bezeugen: Grunge ist nicht so eindimensional, wie es bei flüchtiger Betrachtung vielleicht den Anschein haben mag, sondern ein sehr komplexes Phänomen mit Brechungen auf verschiedenen Ebenen. Eine endgültige Beurteilung wird deshalb wohl, wenn überhaupt, erst in einigen Jahren möglich sein, wenn es sich zeigt welche Komponenten nur eine vorübergehende Mode waren, und welche nachhaltiger wirken und vielleicht sogar das Verständnis von Rockmusik insgesamt verändert haben.