Nothing could stop him - die letzten Tage des Kurt Cobain
Der letzte Monat im Leben des Kurt Cobain begann mit einer Überdosis in Rom und endete mit einer Schrotladung in Seattle am 5. April 1994. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegen vierunddreißig lange Tage - einige davon nach wie vor völlig im Dunkeln. Und das erstaunt. Wie kann jemand, der so sehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, der Familie hat, Freunde, Manager, Anwälte und eine Heerschar von Leuten, die für ihn arbeiten, trotzdem so spurlos von der Bildfläche verschwinden? Jemand zudem, der nie einen Zweifel daran gelassen hat, daß er den Tod durch eigene Hand durchaus als legitimen Ausweg aus einem als qualvoll empfundenen Leben versteht. Dessen psychische Labilität ebenso wohl bekannt war wie seine mal latente, mal akute Drogensucht. An Vorwarnungen hat es nicht gemangelt, trotzdem kam der letzte Schuß in Seattle auch für diejenigen überraschend, die es eigentlich hätten besser wissen müssen. Und zwar spätestens seit Rom. In der italienischen Hauptstadt war Kurt von seiner Ehefrau am 4. März 1994 besinnungslos in seinem Hotelzimmer aufgefunden worden. Diagnose: Überdosis. „Unfall" behauptete die Plattenfirma. „Selbstmordversuch" klang es später aus Bandkreisen, und Courtney präsentierte einen Abschiedsbrief, von dem die Plattenfirma nichts gewußt hatte.

Nirvana brachen ihre Europatournee ab und kehrten am 8. März zurück in die Staaten, wo Kurt sich in Ruhe von den physischen Folgen der Überdosis erholen sollte. Doch statt dessen ließ er sich immer tiefer in eine erneute Heroinabhängigkeit hineinfallen. „So schlimm war es mit ihm noch nie wie in diesen Tagen", äußerte Courtney Love später. Zehn Tage nach ihrer Rückkehr rief sie die Polizei. Kurt habe sich nach einer ehelichen Auseinandersetzung mit Schußwaffen in einem Zimmer des gemeinsamen Hauses verbarrikadiert. Das Szenario war vertraut. Schon einmal, im Sommer 1993, hatte Courtney die Polizei rufen müssen, die damals diverse Schußwaffen im Hause Cobain sicherstellte. So auch diesmal wieder. Kurt Cobain war, obwohl erklärter Pazifist, ebenso ein Waffennarr, der aus dem Umgang mit Schußwaffen eine nur schwer nachvollziehbare Befriedigung zog.

Die Heroinsucht verschlimmerte sich weiter. Kurt schien über Tage hinweg kaum noch Herr seiner selbst zu sein. Das Management versuchte, ihm in dieser Phase mit Amateurpsychologie beizukommen. In stundenlangen Sitzungen wurde er unter Druck gesetzt. Courtney Love selbst war es, die schließlich die Notbremse zog und die Einweisung ihres Ehemannes in die kalifornische Entzugsklinik ‘Exodus’ veranlaßte. Gemeinsam mit Bassist Krist Novoselic lieferte sie ihn dort ab. Genau acht Tage, bevor man seine Leiche fand. In der Klinik teilte er sich ein Zimmer mit dem Butthole Surfers-Sänger Gibby Haynes. Ganze 48 Stunden verbrachte Kurt in der Klinik, dann verschwand er. Über seine letzten Tage lassen sich kaum nähere Details ermitteln, das meiste bleibt Spekulation. So behauptet ein Mitarbeiter des Los Angeles-Büros von ‘Warner Brothers’, daß ein Musiker von Faith No More Cobain in seinem Auto in L.A. auf der Suche nach der Klinik, in die er ihn habe zurückbringen wollen, herumgefahren habe. Während der Fahrt auf einem Freeway solle Kurt immer wieder versucht haben, aus dem Auto zu springen. Alarmiert durch den Ausbruch ihres Sohnes aus der Reha-Klinik erstattete die Mutter Wendy O’Connor bei der Polizei Vermißtenanzeige. Tage später wurde Kurt Cobain von Nachbarn in der Nähe seines Hauses gesehen. Und am 30. März tauchte er gemeinsam mit seinem Freund Dylan Carlson in einem Waffengeschäft in einem Vorort von Seattle auf. Dort erstand er die Flinte, die er sich dann später an den Kopf setzte. Der Kauf erschien als letzter Posten auf seiner Kreditkartenabrechnung.

Ab hier verliert sich seine Fährte endgültig bis zu jenem 8. April 1994, an dem der Elektriker Gary Smith zu einer Garage kam, in der er eine Alarmanlage installieren sollte, und eine grausige Entdeckung machte: Auf dem Boden fand er die Leiche eines jungen Mannes, gekleidet in Jeans, Sandalen und einem Hemd. Über dem Körper lag ein Schrotflinte. Der Schuß war durch die linke Schläfe gegangen. Die Autopsie ergab später, daß Kurt Cobain zu dem Zeitpunkt, als er den Abzug durchzog, vollgepumpt mit Heroin gewesen war. Und daß er bereits seit mindestens 24 Stunden tot war.

Auch nach dem Auffinden der Leiche ging das Verwirrspiel zunächst noch weiter. So behauptete Courtney Love anfangs, sie habe sich nicht so intensiv um das Verschwinden ihres Mannes aus der Klinik kümmern können, weil sie zu der Zeit in London geweilt habe, um dort das neue Album ihrer eigenen Band Hole zu promoten. Tatsächlich jedoch war sie einen Tag vor dem Todesschuß in Los Angeles wegen des Verdachtes auf Heroinbesitz von der Polizei festgenommen worden. Bleibt die Frage, wie es überhaupt passieren konnte, daß ein Mann wie Kurt Cobain so allein mit sich selbst gelassen werden konnte. „Er hat", versuchte sich ein Mitarbeiter von ‘Geffen’ an einer Erklärung, „in diesen vier Wochen systematisch alle Beziehungen und Kontakte zu Freunden, Verwandten und Mitarbeitern von Management und Plattenfirma abgebrochen. Was hätte man tun sollen? Ihn unter ständiger Bewachung einsperren?"

Seine eigenen Erfahrungen mit solchen Situationen hat Ray Manzarek, früher Organist der Doors, gemacht. „Kurt Cobain hat sehr viel gemeinsam mit Jim Morrison. Wie Jim war auch Kurt ein Poet, der nicht Sprachrohr sein wollte, sondern der nur die eigene Zerrissenheit, den eigenen Schmerz artikulierte. Und wie Jim hatte er einen übermächtigen Hang zur Selbstzerstörung. Nichts und niemand kann so jemanden stoppen." 

Dieser Bericht wurde mit schriftlicher Genehmigung von Visions und Muzikquest hier veröffentlicht.