Nirvana Unplugged: Ohne Stecker doch am schönsten?
"Unplugged in New York" ist nicht wie angekündigt eine Doppel-CD geworden. Es wäre sicher eine zu hohe Belastung für Krist Novoselic und Dave Grohl geworden, sich so kurz nach dem Tod von Kurt Cobain am 5. April 1994 durch Tonnen von Live-Tapes zu ackern. Warum man sich entschieden hat, die MTV-Session vom Winter 1993 relativ unkommentiert auf den Markt zu werfen, hat sicher Gründe. Wahrscheinlich wollte die Platten von Nirvana, Geffen, den Bootleggern etwas das Wasser abgraben, denn jeder Plattenbörsenbesucher dürfte schon problemlos über rund zehn verschiedene Versionen der Session gestolpert sein. Doch die wir ursprünglich angekündigte "Werkschau" mit Livestücken, Outtakes und dem Auftritt bei MTV wäre dem Künstler Kurt Cobain sicher gerechter geworden. Dass man das Album ausgerechnet marktgerecht kurz vor Weihnachten auf den Markt werfen musste, lässt an der Ehrlichkeit der Statements von Geffen vom Frühsommer 1994 Zweifel aufkommen. Man behauptete zu dieser Zeit noch, man wolle aus dem Tod von Kurt Cobain kein Kapital schlagen. Die Zerbrechlichkeit und harmonische Stimmung der Akustikshow dürfte nicht nur eingefleischte Nirvanafans weltweit begeistern sondern auch einen ganz neuem Marktsegment die Tür öffnen. Nicht mehr nur der neue Mainstream, den Nirvana 1991 mit ihrem Album Nevermind eigenhändig initiierten, wird sich mit dem leisen Kurt Cobain anfreunden können. Auch der alte Mainstream, dem "Smells Like Teen Spirit" oder "Heart-Shaped Box" ganz einfach zu laut und ungehobelt war, kann jetzt auf ein Neues Nirvana kennenlernen. Die erste Single "About A Girl", das im Original ironischer Weise von Nirvana's erstem Album Bleach von 1989 abstammt, wird wohl auch Beatles-, Guns'n Roses und Phil Collins-Fans gefallen. Ein erschreckender Gedanke: Kurt Cobains wütendes Anschreien gegen die kühle Erwachsenenwelt letztlich nur mehr ein musikalisches Sedativum zum entspannten Mitpfeifen. Hirnlos ist "Unplugged in New York" aber auch wieder nicht. Von der mittlerweile etwas makaber klingenden Zeile "An I swear that I don't have a gun" von "Come As You Are" bis zum abschließenden schwermütigen Leadbellysong über die Einsamkeit namens "Where Did You Sleep Last Night" ist geprägt von Kurt Cobains Schwermut.

Vor allem die Coverversionen die von Kurt Cobain ausgewählt wurden sprechen für sich: Bei David Bowies "The Man Who Sold The World" von 1970 oder dem Stück der Vaselines mit dem Namen "Jesus Doesn't Want Me For A Sunbeam" kann einem schon ein kalter Schauer über den Rücken laufen. Wenn aber Nirvanas Plattenfirma wirklich, wie behauptet den Bootlegern das Handwerk kegen wollte, wärre vielleicht die ursprünglich geplante Version besser gewesen. Keiner Band der 90er Jahre bringt es auf mehr Raubkopien unter anderem auch von unzähligen Livemitschnitten, bei denen die Soundqualität häufig sehr zu wünschen übrig lässt. Auch sonst regiert die Lieblosigkeit. Billge Cover und falsche Songtitel sind nicht selten auf den Bootlegs zu finden. Und dennoch finden sich ab und zu unveröffentlichte Stücke, ungewöhnliche Coverversionen oder die Rohfassungen von Songs die später noch unter anderen Titeln auf den regulären Alben zu finden sind. Das erste 1990 erschienene Bootlegalbum enthält ein ganzes Konzert der "Bleach"-Besetzung, dessen Schmankerl "Imodium" ist. Ein Jahr später tauchte der Song erneut unter einem anderen Titel auf "Nevermind" auf. So ist zum Beispiel auch aus "Pay to Play" das Lied "Stay Away" geworden.

Diverse Demos fanden ihren Weg auf Vinyl oder CD. "Wipeout" wartet mit Studiosessions von 1990 auf. Neben einigen Songs, die ihren Weg auf "Incesticide" fanden, fällt vor allem "Everything or Nothing" auf. 1993 erschien der Track in "Verse Chorus Verse" umbenannt als Mystery-Track auf dem "No Alternative" Sampler. Oder die Bootlegs, die die erste Butch-Vig-Session enthalten. Dort finden sich "Nevermind"-Songs in einer Vorabfassung, die Nirvana selbst sehr viel besser gefiel als die polierten Aufnahmen die schließlich veröffentlicht wurden. Eine Reihe von neuen Raubpressungen bieten mittlerweile auch die Original-Steve-Albini-Mixe der "In Utero"-Sessions, die von Geffen abgelehnt wurden. Obwohl Kurt selbst behauptete, alle seine Songs seien veröffentlicht worden, finden sich auf den Albini-Bootlegs auch eine Reihe neuer, nicht ganz vollendeter Songs in gutem Soundgewand. Und auf der Single "Rags to Riches" ist der legendäre "Top of the Pops"-Auftritt vom November 1991 verewigt, bei dem eine hörbar entnervte Band "Smells Like Teem Spirit" in einer Halbplaybackversion anstimmt. Nicht minder interessant die Flipside: Eine alte Fassung von "In Bloom", die im Januar 1991 als Sub Pop-Single erscheinen sollte, aber leider unveröffentlicht blieb.

Auch im Rahmen der Legalität bleiben Kurt Cobain und Nirvana den Fans erhalten: Cobain-Wittwe Courtney Love verteilte drei Neukompositionen Kurts an Michael Stipe, Mark Lanegan von den Screaming Trees und Iggy Pop. In welcher Form die Songs das Tageslicht der Welt erblicken werden ist allerdings noch unklar. Auch Dave und Krist sind nicht untätig geblieben. Mir Eddie Vedder nahmen sie den Track "Against the 70's" für Mike Watts' mit Spannung erwartetes Soloalbum auf. Außerdem verdichten sich die Gerüchte, dass Dave Grohl in Kürze bei Tom Pettys Heartbeakers einsteigen soll. Ansonsten wird man abwarten müssen, was die Zeit bringt. Weitere Nirvanascheiben werden mit Sicherheit folgen, denn die Gemeinde der Cobain-Fans wird ironischer Weise immer größer und mit seinem Namen ist, wie auch bei denen vieler anderer verstorbener Rockhelden, viel Geld zu verdienen. Kurt Cobains Stimme ist heute lauter den jemals zuvor, selbst wenn seine Zuhörer heute andere sind, als er es hätte sich jemals träumen lassen.