Bleach (Sub Pop - 1991)
Mehrere Zehntausend Personen haben Bleach bei seinem Erscheinen gekauft. Wieviele hätten damals geglaubt, dass Nirvana eines Tages zu einer Rocklegende werden würde? Sicherlich nicht die breite Masse, denn Bleach verkörpert ohne Konzessionen eine Gruppe, die einen dunklen, schwer zugänglichen Rock praktiziert. Man könnte sogar soweit gehen und behaupten, dass Bleach das typische Profil einer Underground-Platte hat: schwarz/weißes Cober, kleine Produktion, kleines Label (Sub Pop war damals nur den Insidern bekannt), kontinuiertliche elektrische Sterilität... Bleach wurde von Jack Endino produziert und natürlich von Cobain und Chris Novoselic (Bass) aufgenommen, während die Schlagzeugpartien von drei Titeln von Dale Crover von den Melvins und der Rest von den zurückgekommenen Chad Channing übernommen wurde. Jason Everman, der auch auf dem Album zitiert wird, hat nicht an den Studioaufnahmen teilgenommen und schließt sich der Gruppe erst nach der Session für eine kurze Zeit an. Während die ersten Akkorde von "Blew" ertönen, erkennt man bereits alle Besonderheiten von Nirvanas Stil. Als erstes findet man eingensinnige und nüchterne Passagen: dröhnende Bässe und trockenes Schlagzeug bilden eine Tongrundlage, die so freundlich ist, wie die Berliner Mauer. Die Gitarren sorgen für eine bedrückende Atmosphäre mit schlagartigen Riffs, schleichenden und verdrehten Melodien. Die Stimme von Kurdt Cobain (der sich noch nicht Kurt Cobain nennt) scheint gleichgültig, täuscht allerdings nie wirklich über seine lasterhafte Agressivität hinweg. "Floyd The Barbar" verstärkt dies mit seinem fast hypnotisch hämmerden Rhytmus noch zusätzlich. "About A Girl" hat all die Besonderheiten, die dem Album Nevermind überall erlauben werden, ein großer Hit zu werden. Die Gitarren mit ihrem bedrohlich/derben Rhythmus sorgen für ein halb obskures halb deutliches Spiel, während die Stimmelodien fast charmant, wenn nicht sogar ehrfürchtig wirken. "School" beginnt hingegen mit einem Riff, der Ähnlichkeit mit Soundgarden nicht von der Hand weisen kann und wiederholt in effektvolle Agressvität verfällt. "Love Buzz", Remake der holländischen Gruppe Shocking Blue, überzeugt einen hypnotischen Bass und Gitarren, die nach und nach die Spannung durch Riffs und verschlossene Schnörkel steigern. Das schwere und knirschende "Paper Cuts" lässt Cobain die Möglichkeit offen, eine zwischen Feuer und Äther zögernde Atmosphäre zu schaffen: einfach super. Das feine "Negative Creep" tritt auf der Stelle, während "Scoff" an die Hirngespinste eines besessenen Psychopathen erinnert. "Swap Meet" und "Mr. Moustache" ergeben sich mit dünnen und überzeugenden Melodien der Tradition des erstklassigen agressiven Gehämmers. "Shifting" weist ein langsameres Tempo auf, ist allerdings auch einfacher gestrickt. "Big Cheese" ist mit seinen scherzerfüllten Stimmen, den säuerlich klingenden Gitarren und seinem durchaus runden Rhythmus durchaus effizient. "Downer" schließt das Album mit einem wesentlich ungleichmäßigeren und punkigerem Rhytmus ab. Schließlich und endlich ist bereits alles da: die einfachen aber beileidigenden Melodien, mit Hoffnungslosigkeit gemischt Gehässigkeit und Süßlichkeit, die bis zur Revolte geht. Der Rest is vor allem ein Reife- und Produktionsprozess.